Abwesenheit von Verstand01.07.09

Von: Karin Lubowski

Sozialdemokrat Sarrazin und seine Empfehlungen an Hartz-IV-Empfänger

Wenn es um typisch deutsche Eigenschaften geht, dann steht Besserwisserei ganz oben auf der Liste. Wenn es um unangenehme Eigenschaften Besserverdienender geht, dann steht Klugscheißerei ganz oben; und wenn es um den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin geht, dann ist folgende Feststellung überfällig: Besser, der Mann schwiege. Sarrazin, aktueller Vorstand der Bundesbank, der als Berliner Finanzsenator vergangenes Jahr Hartz-IV-Empfängern vorrechnete, wie gesund und lecker man sich mit noch weniger als dem Hartz-IV-Satz, mit nur 3,76 Euro am Tag ernähren könne, kümmert sich aktuell um die demografische Entwicklung und speziell um das Fortpflanzungsverhalten im Lande. Dem Magazin „Stern“ erklärte er unlängst: „Die große Frage ist: Wie kann ich es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden?“ Sarrazin wäre nicht Sarrazin, käme nicht gleich ein Vorschlag hinterher: Das Sozialsystem sei so zu verändern, dass man künftig nicht mehr seinen Lebensstandard durch Kinder verbessern könne. Äußerungen dieser Art sind in mehrfacher Hinsicht eine Unverschämtheit.

Erstens: Von 166 Euro Kindergeld pro Monat ist kein Kind zu ernähren, kleiden, bilden. Das sollte sogar ein richtig gut verdienender Bundesbanker wissen. Hartz-IV-Empfängern wird übrigens sogar das Kindergeld auf die Bezüge angerechnet; heißt: Sie verbessern sich nicht.

Zweitens: Im gleichen Interview geißelt Sarrazin die bevorstehende Rentenerhöhung als „völlig unsinnige Maßnahme“: Altersbezüge würden „übermäßig“ erhöht. Wer sich um seine eigenen Altersbezüge so wenig Gedanken machen muss wie Herr Sarrazin, möge sich solche Formulierungen verkneifen.

Drittens: Einerseits – wie Sarrazin – darüber zu lamentieren, dass immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen, und andererseits mit Geburtenregelung zu liebäugeln, ist nicht nur widersprüchlich – das ist Abwesenheit von Verstand.

Viertens: Wie viele Kinder einer in die Welt setzt, geht die Sarrazins der Republik einen feuchten Kehricht an. Es fragt auch keiner den Herrn Sarrazin, ob seine beiden Kinder gesellschaftlich nutzbringend geraten sind oder warum er bei stets gutem Gehalt nur zwei zustande gebracht hat.

Fünftens: Wer (noch als Finanzsenator) eine Mitarbeiterin einkaufen schickt, um zu beweisen, dass die 4,25 Euro, die ein Hartz-IV-Empfänger täglich für Essen und Trinken ausgeben kann, mehr als genug sind, wer dabei vergisst, dass Kindern von Hartz-IV-Empfängern nur Essen für täglich 2,28 Euro zusteht, wer darüber hinaus Erwachsenen im selbst verfassten Speiseplan nicht mehr als 1550 kcal pro Tag zugesteht, der hat sich selbst disqualifiziert.

Sechstens: Wer sich (wie Sarrazin als Finanzsenator) angesichts der Tatsache, dass immer mehr Kinder hungrig in die Schule kommen, zu der Bemerkung hinreißen lässt, das „kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern (sei) das Untergewicht“, der gehört als Verantwortung Tragender disqualifiziert.

Siebtens: Wer gut verdient, tut gut daran, sorgsam mit solchen Ratschlägen umzugehen, die vorzugsweise das Leben derer verändern sollen, denen es weniger gut geht. Freiheit ist nämlich nicht nur die Abwesenheit von Gefängnismauern, Freiheit ist auch der Zustand, in dem ein Mensch wählen kann: Zwischen dieser und jener Partei, zwischen keinem Kind oder zehn, zwischen Nadelstreifen oder Trainingsanzug, zwischen Lauch oder Lachs.

Achtens: Es mag Leute geben, die Menschenwie Sarrazin als knorrig oder skurril oder „herrlich ehrlich“ (Spiegel online) empfinden. Tatsache ist, dass er mit seinen Sprüchen Stammtisch-Niveau erreicht und üblen Vorurteilen einen noch fruchtbareren Boden bereitet. Sarrazins Sprüche helfen keinem, dafür schaden sie vielen.

Neuntens: Jede Partei hat immer auch Leute, die sich am Rande des guten Geschmacks bewegen (und dort nach Stimmen fischen). Bei Sarrazin müsste die SPD allerdings längst die Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht haben. Wenigstens die Bundesbank ist schon mal auf Distanz zu ihrem Vorstand gegangen: „Die Äußerungen Sarrazins geben nicht die Positionen der Bundesbank wieder.“

Zehntens: Wenn wir künftig häufiger danach fragen sollen, was jeder einzelne für sein Land tun kann, dann gilt das auch für emphatisch Verarmte.

Und schließlich: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar. Herr Sarrazin, benehmen Sie sich endlich, wie es sich für einen privilegierten und obendrein von Steuerzahlern finanzierten Teil unseres Sozialstaates gehört.