„Fast alle sterben hier an Armut“01.07.09

„Oft geht es nur ums nackte Überleben“: Die Schleswig-Holsteinerin Katrin Rohde über die Menschen in ihrer neuen Heimat Burkina Faso, wo sie seit 17 Jahren mehrere Hilfeprojekte leitet. Fotos: Lubowski, Sahel e.V.

Katrin Rohde über den Alltag in Burkina Faso und ihre Hilfeprojekte. - Früher besaß sie im Kreis Plön zwei Buchhandlungen, jetzt hilft sie Kindern und Frauen in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt.

Sie ist Aktivistin in Sachen Nächstenliebe und hat in einem der ärmsten Länder der Welt ein ganzes Bündel beeindruckender Hilfeprojekte für Kinder, Jugendliche und Frauen ins Leben gerufen (Foto mit Schulkindern). „Burkina Faso braucht Hilfe“, sagt die aus dem Kreis Plön stammende Katrin Rhode. Die Menschen in ihrem neuen Heimatland nennen sie „Mama Tenga“, Mutter Vaterland.

Hempels: Katrin Rohde, wo sind Sie zu Hause?

Katrin Rohde: Ganz klar in Burkina Faso. AMPO – das ist der Name unserer Einrichtungen, zu denen inzwischen 250 Jungen und Mädchen gehören – ist Mittelpunkt meines Lebens.

Vermissen Sie Ihre Heimat Schleswig-Holstein nicht manchmal?

Doch, natürlich. Ich sehne mich oft nach einem grauen Regentag. Bei uns regnet es mindestens neun Monate am Stück keinen Tropfen. Das kann man sich in Schleswig-Holstein gar nicht vorstellen. Überhaupt ist Wasser unerhört kostbar bei uns. Deshalb war das erste, das ich in Angriff genommen habe, einen tiefen Brunnen bohren zu lassen. Das hat viel Geld gekostet. Aber jetzt gibt es bei uns immer Wasser. Und dann der Käse – den vermisse ich.

„Mama Tenga“, Mutter Vaterland, heißt ihr Buch, und so werden sie auch in Burkina Faso tituliert. Sind Sie dort die weiße Wohltäterin?

(Lacht) Zunächst mal lag der Ursprung aller Aktivitäten in meiner Dankbarkeit gegenüber den Burkinern, die mich vor 21 Jahren auf meiner allerersten Reise durchs Land von einer schweren Krankheit gesund gepflegt haben. Damals habe ich Wärme, Hingabe und Nächstenliebe auf eine Art und Weise erlebt, die in der westlichen Welt kaum noch zu finden ist. Das hat mich tief beeindruckt. So faszinierend auf der einen Seite Land und Leute sind, so schockierend ist aber auch die Armut, von der vor allem Kinder und Jugendliche betroffen sind. In der Hauptstadt Ouagadougou prallen mit Jahrtausende alten Traditionen und modernen Großstadtverlockungen Welten aufeinander. Die Landflucht ist groß, entsprechend elend sind die Stadtbehausungen - wenn die Menschen denn Behausungen haben.

Das sehen andere Europäer in Afrika auch. Aber Sie sind geblieben.

Ja. Obwohl mein erwachsener Sohn damit absolut nicht einverstanden war. Inzwischen sieht es übrigens so aus, dass er auch nach Burkina Faso kommt. Dass ich damals geblieben bin, war eine Konsequenz, die sich aus meinem Glauben ergeben hat. Ich habe schon immer meine Dialoge mit Gott geführt.

Sie sind evangelisch getauft, konfirmiert und vor 16 Jahren in Afrika zum Islam übergetreten.

Burkina Faso ist ein religiöses Paradies. Hier betet jeder, und jede Religion wird toleriert. „Gott ist wie Wasser, ob du das aus einem Becher oder aus einem Eimer trinkst, ist ganz egal“ – so heißt ein Sprichwort. Burkiner nehmen Religion ernst,aber Fundamentalismus liegt uns fern. Wir leben und handeln miteinander, heiraten untereinander. Frauen sind berufstätig, meine liebste muslimische Freundin ist Psychologin. Ich kenne weder Tschador noch Burka.

Ein Paradies für Frauen?

Natürlich nicht. Mädchen und Frauen sind immer wieder Opfer von Misshandlungen und Vergewaltigungen. Schwangere Mädchen werden oftmals verstoßen. Wer vergewaltigt wird, trägt bei unserer enorm hohen Zahl HIV-Infizierter ein großes Risiko, an Aids zu erkranken. Die Kinder, die dabei gezeugt werden, haben kaum Chancen. Die meisten Frauen haben nie gelernt, aufzubegehren, zu protestieren, sich durchzusetzen. Deshalb lernen alle AMPO-Mädchen Karate. Die Jungen nicht. Die spielen Fußball.

Was ist das Wichtigste, das Sie den Kindern geben können?

Manchmal geht es einfach nur ums nackte Überleben – wie bei dem Säugling, der nachts vor meiner Tür abgelegt wurde, die Nabelschnur mit Strohhalmen abgebunden. Der Junge hatte Glück, dass ich ihn vor den wilden Hunden und den Schweinen gefunden habe. Grundsätzlich ist das Wichtigste, was wir den Kindern geben können, Schule, Schule, Schule. Burkina Faso ist ein Land, in dem 83 Prozent der Menschen Analphabeten sind. Schule kostet bei uns Geld: für kleine Kinder 30 Euro im Jahr. Der am häufigsten ausgeübte Beruf eines Wächters bringt allerdings nur 30 Euro im Monat, und ein Sack Reis kostet bereits 20 Euro. Das Schulgeld für Abiturienten kostet dann schon um die 300 Euro im Jahr – unerschwinglich für arme Familien. Deshalb wird bei uns jedes Kind, das den Willen und die Anlagen mitbringt, entsprechend gefördert. Die Begabtesten dürfen Abitur machen, alle anderen lernen in unseren Werkstätten.

Das hört sich an wie ein Wunder: Kinder, die lernen, was nur reingeht – immerhin arbeitet Burkina Faso nach dem strengen französischen Schulsystem.

Jedem AMPO-Kind ist klar, dass Schulbildung Voraussetzung für ein besseres Leben ist. Und die jüngeren Kinder sehen natürlich bei denen, die schon im Beruf stehen, wie das Leben aussehen kann, wenn man für sich sorgen kann. Jedes Kind, das zu uns kommt, dreht sich komplett um – auch die Straßenjungen, die ihre Drogenkarrieren mitschleppen; die wissen, dass sie bei uns ihre allerletzte Chance bekommen.

Was wird aus „Ihren“ Kindern, wenn sie groß sind?

Sie verlassen die Projekte mit etwa 18 Jahren und werden „draußen“ von uns noch einige Jahre betreut und beraten. Dann müssen sie auf eigenen Füßen stehen. Aber jedes AMPOKind nimmt die Kraft unserer großen Familie mit – und bisher halten alle „Großen“ Kontakt zu uns, bringen den kleinen Geschwistern Bonbons mit, einige arbeiten bei uns.

Woher nehmen Sie die Betreuer, Projektleiter, das medizinische Personal?

Alle Projekte stehen unter afrikanischer Leitung, einige davon arbeiten bereits selbständig. Alle 80 Mitarbeiter sind Afrikaner.

Welches Ihrer Projekte liegt Ihnen besonders am Herzen?

MIA, unser erstes Haus für verstoßene schwangere Mädchen und junge aidskranke Mütter und ihre Kinder. Bei uns können die Mädchen so entbunden werden, dass ihre Kinder nicht infiziert werden. Inzwischen gibt es ein zweites Haus dieser Art, ALMA. Das ist nach meiner Großmutter benannt, Mia heißt meine Enkelin.

Zu AMPO gehören auch Krankenstationen und Behindertenprojekte.

Ja. Wie die Schule kostet die medizinische Versorgung in Burkina Faso Geld. Geld, das die meisten Menschen nicht haben. Überhaupt leben mehr als 90 Prozent der Burkiner auf dem Land. Zu uns laufen Frauen mit ihren Kindern kilometerweit. In Burkina Faso ist der Tod ein Teil des Alltags. Fast alle, die hier sterben, sterben an Armut. Heißt: An Krankheiten, die eigentlich leicht zu behandeln wären, wenn die Menschen sich den Arztbesuch und die Medizin leisten könnten. Unser Behindertenprojekt ist in doppelter Hinsicht ein Segen: Zum einen können wir beispielsweise gehunfähigen Menschen mit Rollstühlen Mobilität verschaffen, die vorher kaum einmal über die Schwelle ihrer Häuser gekommen sind. Zum anderen werden diese Rollstühle in unseren Werkstätten gebaut: Einzelstücke, die auf die Bedürfnisse ihrer Benutzer zugeschnitten sind - mit Extrasitz für ein Kind zum Beispiel.

Welches Projekt planen Sie als nächstes?

Keines. Im Moment merken wir zwar die weltweite Wirtschaftskrise noch nicht, unsere Spender sind eine treue Freundesgruppe. Doch wir brauchen immerhin 40 000 Euro jeden Monat. Ich will das, was ich jetzt mache, weiterhin gut machen und mich in einer Zeit wie dieser auf keine Abenteuer einlassen.

250 Kinder, 80 Mitarbeiter – kennen Sie eigentlich jeden AMPOBewohner?

Klar. Zum Glück bleibt für die Kinder auch immer Zeit zum Reden, zum Schmusen. Wie in einer großen Familie. Die Kinder wissen: Wir sind zusammen, also sicher. An ihrer Lebensfreude teilzuhaben, macht einfach Spaß.

Interview: Karin Lubowski