„Ich habe meine Lektionen gelernt“06.12.08

HEMPELS-Verkäufer John Forst, 39, aus Flensburg über sein Leben

Toi, toi, toi – es scheint zu funktionieren. Als ich 1999 aus dem Knast kam – gesessen hab ich wegen einer, sagen wir: Tresenmeinungsverschiedenheit – musste ich mich entscheiden: Nehme ich es in Kauf, irgendwann erneut hinter Gittern zu landen? Oder halte ich es draußen endlich länger aus? Die Entscheidung war für mich klar - ich wollte und will nicht wieder in den Knast. Zu oft und bereits als Jugendlicher hatte ich die Erfahrung des Eingesperrtseins machen müssen. Bis jetzt klappt es, ich habe meine Lektionen gelernt.

Früher war viel Unruhe in meinem Leben. Aus Gütersloh stamme ich, ein behütetes Zuhause kannte ich nicht. Meine Eltern hatten genug mit sich selbst zu tun. Es gab reichlich Situationen, in denen ich von dem Mann meiner Mutter geschlagen wurde. Mit 13 bin ich dann das erste Mal von zu Hause abgehauen und hab auf der Straße oder bei Kumpels geschlafen. Später hat mich das Jugendamt in ein Heim gesteckt. Nachts sind wir von dort oft abgehauen. Überhaupt bin ich in den Jahren lieber draußen rumgelaufen als zur Schule zu gehen.Wir waren wohl die ersten Crash-Kids in Deutschland. Als wir anfingen, Autos aufzubrechen und damit durch die Gegend zu fahren, da kannte man den Begriff Crash-Kids noch nicht.Warum wir das gemacht haben? Mit dem Verkauf der gestohlenen Autoradios wollten wir Geld verdienen. Und ansonsten hatte das auch was mit Imponiergehabe zu tun. Was, du kannst Auto fahren? Glaube ich dir nicht, zeig es uns. Und irgendwann wollte jeder aus der Clique den Anderen zeigen,was er kann.

Ein Weg war das, der logischerweise in den Knast führte. Als ich das erste Mal in den Jugendknast kam, traf ich dort viele Heimkumpels aus früheren Jahren wieder, die ich zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatte. Offenbar war unser aller Weg vorgezeichnet. Im Rückblick muss ich sagen, dass meine Situation über die Jahre immer mehr eskaliert ist. Man fängt erst an zu rebellieren,weil man unzufrieden ist, das Leben als ungerecht empfindet. Dann bildet man Gruppen, geht auf die Straße und pöbelt andere Leute an. Wenn man schon früh Gewalt am eigenen Körper erfährt, dann übernimmt man das irgendwann. Und ehe man sich versieht, steckt man mittendrin in einem Kreislauf, der immer wieder in den Knast führt.

Ich hoffe, diesen Weg endlich verlassen zu haben. Seit meiner letzten Knastzeit lebe ich in Flensburg und habe dort längst auch eine eigene kleine Wohnung. Früher lebte ich ja über Jahre nur auf der Straße. Und seit einem knappen halben Jahr verkaufe ich HEMPELS. Eine wichtige Aufgabe. Denn Zeitungsverkäufer zu sein heißt für mich, bestimmte Dinge erst lernen zu müssen. Ich muss beim Verkauf Ruhe aufbringen, ich muss stillstehen und freundlich sein können. Jeder Passant könnte ja ein potenzieller Käufer sein.Welches Ziel ich für mein weiteres Leben habe? Es ist kein großes Ziel in der Ferne, sondern nur ein kleines in der Nähe. Ich will einfach nicht mehr Schaden anrichten so wie früher. Ich will nichts mehr kaputt machen.

Aufgezeichnet von: Peter Brandhorst
Foto: Dieter Suhr