Über den Seeweg01.07.09

„Eine Krise wie noch nie“: Rudi Sass, Udo Pail und Volker Wagner (v. li.) vom Kieler Seemannsclub mit philippinischen Seeleuten. In den Clubräumen können sie unter anderem per Internet Kontakt zur Heimat aufnehmen.

Fotos: Dieter Suhr
Seemannsmissionen wie die in Kiel beklagen Auswirkungen der Finanzkrise
Fröhliches Gelächter erklingt im „Baltic Poller“, dem Club der Kieler Seemannsmission am Ostuferhafen. Die Stimmung ist an diesem Tag gut bei den Besuchern. Dabei gibt es bei den Seemannsmissionen zurzeit wenig Grund zu lachen. Die Auswirkungen der Finanzkrise haben Land und Leute nun auch über den Seeweg erreicht. Wo Häfen bisher florierende Umschlagplätze waren, bleiben inzwischen die Schiffe weg. Und mit ihnen die Seeleute in den Missionen.
„Eine solche Krise gab es noch nie“, erzählt Volker Wagner, der Leiter des Seemannsclubs „Baltic Poller“. In den 1970er Jahren habe es zwar schon mal eine Sauregurkenzeit mit Kurzarbeit gegeben, „aber so wie das jetzt ist, hat es noch keiner erlebt.“ Der ehemalige Seemann betreut zusammen mit acht weiteren Ehrenamtlichen die Menschen an Bord der Schiffe in den Kieler Häfen. Seit März dieses Jahres unterhält die Mission auch den „Baltic Poller“, der in der Krise extra für gestrandete Seeleute gegründet wurde.
Denn sogenannte Auflieger, Frachter ohne Aufträge, mehren sich. Am Ostuferhafen sind es vier an diesem Tag. Jeder ungebuchte Frachter bedeutet: Unternehmer geraten in die Bredouille, Menschen werden arbeitslos oder sitzen fest, fernab ihrer Heimat. Die Besatzung der vier aufliegenden Frachter stimmt überwiegend von den Philippinen. Die 27 Männer sind teilweise schon seit März im Kieler Hafen und verbringen die Tage mit Wartungsarbeiten an den Schiffen und nutzen das Angebot der Seemannsmission.
Auch für die Mission sind das weniger rosige Zeiten. Der Club kostet Geld, und da viele andere Schiffe über Skagen fahren anstatt Kiel anzusteuern, werden beispielsweise die Einnahmen durch die Unterkünfte geringer. Im Seemannsheim auf der Schleuse haben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 372 Menschen übernachtet – 136 weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Das Heim Holtenau öffnet sich aufgrund des hohen Leerstands inzwischen sogar für Touristen. Das jährliche Budget der Mission beträgt 225.000 Euro, fast die Hälfte davon sind Spenden. Das und die vielen ehrenamtlichen Helfer machen die Arbeit der Seemannsmission erst möglich.
Gerade betritt ein Seemann den „Baltic Poller“. Unter einem fröhlichen „Good evening“ sucht er sich schnell den Weg zum Telefon. Der Club hat zurzeit etwa zehn Besucher pro Tag. Sie können Billard spielen, Sport treiben, einfach nur sitzen oder Kontakt zu Freunden und Familien aufnehmen. „Das ist oft schwierig“, so Diakon Rudi Saß. „Wenn es bei uns 18 Uhr ist,ist es auf den Philippinen schon Mitternacht.“ Selbst günstige Telefonkarten und die Zeitung ihres Landes bekommen die Seeleute – oftmals einzige Verbindung zur fernen Heimat. Auch wenn die Seemannsmission eine christliche Institution ist, bietet sie Hilfe und Unterstützung für Menschen jeden Glaubens. „Uns ist der Mensch wichtig“, betont Saß. Die Krise der Seefahrt hat sich laut dem Diakon schon länger abgezeichnet. Die Reeder hätten dennoch mehr und größere Schiffe bestellt. Vielleicht, so die Hoffnung in der Mission, geht es im Herbst wieder aufwärts.
Den Mitarbeitern ist wichtig, das öffentliche Bild des umtriebigen Seemanns neu zu konturieren. „Seefahrt ist heute hoch technisiert, da arbeiten qualifizierte Leute“, sagt Mitarbeiter Udo Pail. Clubleiter Volker Wagner ergänzt: „Es gibt keine Freddy-Quinn-Romantik. Man hat überhaupt nicht die Zeit, in jedem Hafen eine andere Frau zu haben.“

