WEIHNACHTEN – FAST GANZ NORMALE TAGE02.12.08

Weihnachten verbringen wir meist so wie andere arbeitsfreie Zeit auch

Buddhist Joachim Feseck: „Gemeinsam feiern, aber nicht religiös“

Hindu Muthuraman Muthuraman: „In Indien beschenkt man sich nicht"

Islamischer Schneider Selaäme Bayraktar: "Gegenseitiger Respekt ist wichtig“

Lars Brandt: „Das Weihnachtsfest hat für mich überhaupt keine Bedeutung“
Wie Angehörige anderer Weltreligionen bei uns das Weihnachtsfest erleben
Weihnachten ist im Christentum das zweitwichtigste Fest nach Ostern – die Geburt Jesus Christus wird gefeiert und damit die Menschwerdung Gottes. Auch jene Menschen unseres Kulturkreises, die im Alltag keine große Religiosität leben, verbringen die Adventszeit oft besinnlicher als den Rest des Jahres. Jeden Heiligabend sind die Kirchen überall gut gefüllt. Doch welche Bedeutung hat diese Zeit für Angehörige anderer Religionen? Neben dem Christentum, der größten Weltreligion mit 2,1 Milliarden Anhängern, gibt es vier weitere bedeutende Weltreligionen: den Islam (1,3 Milliarden Anhänger), den Hinduismus (850 Millionen), den Buddhismus (375 Millionen) und das Judentum (15 Millionen). Unsere Mitarbeiterin Carina Ahlers hat bei in Norddeutschland lebenden Angehörigen dieser vier Religionen nachgefragt, wie sie die Weihnachtszeit verbringen und welche bedeutenden Feste es in ihrer jeweiligen Religion gibt. Und sie hat mit einem jungen Norddeutschen gesprochen, der sich keiner Religion zugehörig fühlt.
Famile Inbar: „Das jüdische Lichterfest Chanukka überschneidet sich in diesem Jahr zufällig mit dem christlichen Weihnachten“ Familie Inbar – das Ehepaar Liad und Naomi Christine mit ihren drei kleinen Kindern – gehört der „Jüdischen Gemeinde Kiel“ an. Insgesamt leben in der Landeshauptstadt ungefähr 500 Juden, die sich auf zwei Gemeinden aufteilen. Die Eheleute Inbar bezeichnen sich als liberale Juden, leben weniger orthodox als andere Angehörige jüdischen Glaubens. Religion ist fester Bestandteil des Alltags der Familie Inbar. Sie praktiziert die rituellen Gebete und Vorschriften, feiert den Sabbat, folgt den Speisevorschriften, spricht zu Hause ausschließlich Hebräisch und besucht regelmäßig den Gottesdienst in der Synagoge. Das gemeinsame Ausleben ihres Glaubens mit anderen Juden ist ihr wichtig. Daher beteiligt sich die ganze Familie aktiv am Gemeindeleben und feiert religiöse Feste und Bräuche gemeinsam mit anderen Gläubigen. Das christliche Weihnachten wird nicht gefeiert, schließlich sei dies kein jüdisches Fest. Heiligabend und die Weihnachtsfeiertage sind für Menschen wie die Familie Inbar ganz normale Tage. Zwar nehmen die Eltern an betrieblichen Weihnachtsfeiern teil. Und einmal haben sie auch mit einer befreundeten christlichen Familie gefeiert, was ihnen gut gefallen habe. Ansonsten verbringen sie diese Zeit so wie andere arbeitsfreie Tage auch. In diesem Jahr überschneidet sich Weihnachten teilweise mit einem der jüdischen Feste, die sich nach dem Mondkalender richten. Am 22. Dezember beginnt das achttägige Lichterfest Chanukka, welches das Überleben und Weiterbestehen des Judentums symbolisiert. Chanukka ist ein fröhliches Fest. Es gibt besondere Speisen und Lieder, die Kinder bekommen kleine Geldgeschenke sowie Süssigkeiten und jede Familie hat ihre eigenen kleinen Traditionen. Ähnlich wie Weihnachten ist es vor allem ein Familienfest.
Joachim Feseck ist Deutscher – und Buddhist. Bereits 1982 hat sich der heute 50-jährige Angestellte im öffentlichen Dienst dieser Religion angeschlossen. Ihn überzeugte der Anspruch, sein Leben nach den Zielen Furchtlosigkeit, Freude und Liebe auszurichten und Selbsterkenntnis anzustreben. Zusammen mit gleich Gesinnten gründete Feseck das buddhistische Zentrum in Kiel, mittlerweile das zweitgrößte seiner Art in Deutschland. Heute leben ungefähr 50 Buddhisten in unmittelbarer Nähe davon. Jeden Tag werden gemeinsame Meditationen angeboten und es gibt Vortragsabende, die für jeden Interessierten offen sind.Wenn man mit Feseck über den Buddhismus spricht, dann bemerkt man sogleich seine große Begeisterung und Freude. Mehrmals verwendet er den Begriff Familie,wenn er von seiner Gemeinschaft spricht – Freunde mit gleichen Zielen, die einander viel bedeuten. Einige der Kieler Buddhisten feiern auch zu Weihnachten zusammen. Diese Feier ist dann jedoch nicht religiös motiviert,Buddhisten glauben schließlich nicht an Gott im Sinne eines Schöpfergottes. Doch sei Weihnachten nun mal ein Fest von kultureller Bedeutung in der westlichen Welt. „Warum sollten Buddhisten dann nicht auch feiern? Diese Freude lassen wir uns nicht nehmen.“ Auch wenn diese Feiern mehr als Gemeinschaftsfeste als Partys zu verstehen sind, werden in vielen buddhistischen Familien dann auch Geschenke ausgetauscht und Tannenbäume aufgestellt. Viele würden zudem an den Weihnachtstagen Eltern und Verwandte besuchen.
Muthuraman Muthuraman - Sein Vorname ist so wie sein Nachname. Er stammt aus Indien und lebt seit 2003 in Deutschland. An der technischen Fakultät der Kieler Uni arbeitet der 27- jährige Hindu an seiner Doktorarbeit im Bereich der Neurologie. Zusammen mit einem indischen Freund teilt er sich im Studentendorf der Uni eine kleine Wohnung. Dort fliegt gerade ein Wellensittich frei herum und lässt sich während des Gesprächs immer wieder auf einem menschlichen Kopf nieder. Im Zimmer befindet sich ein kleiner Schrein mit Figuren und Bildern von Göttern. Insgesamt 35 indische Studenten – die meisten Hindus – leben zurzeit in Kiel. Das Gemeinschaftsgefüge ist sehr ausgeprägt. Sie treffen sich regelmäßig und feiern auch religiöse Feste zusammen. Eines dieser Feste kann von seiner Bedeutung mit dem christlichen Weihnachtsfest verglichen werden - Diwali, das Lichterfest. Der Zeitpunkt richtet sich nach dem Mondkalender, so dass es Ende Oktober bis Mitte November stattfinden kann – in diesem Jahr war es der 28. Oktober. Der Tag wird jedes Jahr festlich und fröhlich begangen. Alle Menschen tragen neue Kleidung, es gibt jede Menge Süssigkeiten und die Häuser werden mit Blumen geschmückt. Das Wichtigste sind allerdings die Lichter. Überall werden Kerzen aufgestellt und es gibt große Feuerwerke. Muthuraman erklärt den Hintergrund des Festes: „Es ist der Sieg der Helligkeit gegen die Dunkelheit. Der Gott Rama hat einen bösen Feind besiegt. Das Fest ist ein Symbol für den Sieg des Guten gegen das Böse.“ In den vergangenen Jahren haben die indischen Studenten zusammen mit dem ASTA der Uni Kiel zu Diwali eine „Indische Nacht“ organisiert, um anderen Studenten die Kultur Indiens näher zu bringen. Zu Weihnachten ist Muthuraman immer bei seiner polnischen Freundin eingeladen. Er schätzt die Bräuche und Festlichkeiten des christlichen Weihnachtsfestes sehr. Besonders der Weihnachtsbaum hat es ihm angetan,weil es so etwas in Indien nicht gibt. Außerdem mag er, dass man sich gegenseitig beschenkt: „Es müssen nur kleine Sachen sein, aber sie können viel bedeuten.“ In Indien sei das nicht üblich, da eh alles Geld in den Familien geteilt werde. Aufgefallen ist Muthuramen, dass Weihnachten für Viele vor allem ein Familienfest ist, bei dem man sich gegenseitig besucht. Diwali sei hingegen ein Fest der ganzen Gesellschaft, bei dem alle miteinander feiern. Angesichts der Feuerwerke, so sagt Muthuraman, vielleicht ein wenig vergleichbar mit unserem Silvester.
Selaäme Bayraktar - Familie Bayraktar gehört dem Islam an.Auch in dieser Religion wird kein Weihnachtsfest gefeiert. Dennoch kann Selaäme Bayraktar, der freundliche Vater von zwei Kindern, über einige Erlebnisse im Zusammenhang mit Weihnachten berichten. Schließlich kam er bereits vor 45 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Seit 20 Jahren haben er und seine Frau ein eigenes Schneidergeschäft. Über die vielen Kundenkontakte haben sie schnell gemerkt,welche Bedeutung dieses Fest in Deutschland hat. Mittlerweile verteilt Bayraktar in der Vorweihnachtszeit kleine Geschenke an seine Kunden. Er akzeptiert diesen und andere christliche Feiertage und wünscht sich, dass andere Menschen auch Respekt für seine Religion aufbringen. Vor Jahren hat er einmal an einem islamischen Feiertag sein Geschäft für einen halben Tag geschlossen, um die Moschee aufzusuchen. Einige Kunden reagierten darauf mit Unverständnis. Deshalb arbeitet der islamische Schneidermeister mittlerweile an den meisten religiösen Feiertagen und begeht sie erst am Abend. Denn natürlich gibt es auch im Islam wichtige Feste, die im Familienkreis gefeiert werden.Beispielsweise das Zuckerfest, mit welchem das Ende der Fastenzeit Ramadan gefeiert wird. Zunächst wird dann in einer Moschee Gott gedankt, anschließend bei einem Friedhofsbesuch der Toten gedacht. Danach geht es bei gutem Essen fröhlich zu und man beschenkt sich gegenseitig. Das Telefon läutet an diesem Tag ununterbrochen, um sich gegenseitig ein „Frohes Zuckerfest“ zu wünschen.
Für den 30-jährigen Chemiker Lars Brandt hat Weihnachten keine besondere Bedeutung, Adventskranz oder Weihnachtsbaum gibt es in seiner Wohnung nicht. Auch an die Lehren der Kirche glaubt er nicht.Von seinen Eltern wurde er zwar protestantisch getauft und ist konfirmiert. „Aber wohl nur deshalb, weil alle im Dorf dies getan haben“, wie er sagt. Die Institution Kirche an sich beurteilt Brandt nicht grundsätzlich negativ: „Besonders für Jugendliche, Arme und Alte wird viel getan. Es gibt gute Sachen, die die Kirche unterstützt“, findet der 30- Jährige. Daher sei er bis jetzt auch noch nicht aus der Kirche ausgetreten und zahle Kirchensteuer. Denn einen Teil seines Gehalts guten Zwecken zukommen zu lassen, findet er sinnvoll. Bisweilen überlege er aber, ob er das Geld nicht besser regelmäßig für eine andere Sache spenden solle. Den Heiligabend verbringt er unkonventionell mit Freunden und ohne sich gegenseitig zu beschenken.

