„Wenn die Meere sterben,dann haben auch wir Menschen verloren“02.12.08
Anmerkungen zu politischen Themen Von Eckehard Raupach
Wie gehen wir, die Leute von der Minderheit, mit der Mehrheit um? 71 Prozent der Erdoberfläche sind Ozeane – die Meere sind die Mehrheit, das Festland ist Minderheit. Die Menschen suchen die Nähe zum Meer: Über 50 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe, höchstens 60 Kilometer vom Meer entfernt (schon 2020 könnten es 75 Prozent sein). In Schleswig-Holstein, meerumschlungen, wohnen alle in Küstennähe, außer den Menschen im Raum Lauenburg. Das Meer ist voller Gewalt und voller Reichtum – hier zu leben ist Chance und Risiko. Das Meer trennt; als Wasserstraße verbindet es gleichzeitig Menschen. Rund 30.000 Handelsschiffe transportieren Waren, darunter 4000 Containerschiffe. Weltweit stellen deutsche Reeder die drittgrößte Flotte, die größte Containerflotte. Im Schiffbau liegen Korea, Japan und China weit vorn. Deutschland ist zwar der viertgrößte Schiffsbauer der Welt, hat aber nur einen Marktanteil von 2,6 Prozent. 23.000 Menschen arbeiten in der BRD im Schiffbau, etwa zehn Prozent davon in Kiel. Die französische Staatswerft will bei HDW (ThyssenKrupp- Werft) die Mehrheit übernehmen; um dies zu verhindern, war der Kieler Betriebsratschef gerade in Berlin. Kiels zweitgrößte Werft, Lindenau, kämpft nach der Insolvenz ums Überleben. Chance und Risiko.
Wir leben nicht nur am Wasser, wir leben auch von ihm. Jährlich werden knapp 100 Millionen Tonnen Fisch aus den Meeren gefangen, weitere 50 Millionen werden in Unterwasserfarmen produziert. Weltweit gelten Tunfisch, Kaiserbarsch, Seehecht, Kabeljau und viele Arten Hai als überfischt, in unserem Raum Kabeljau, Heringe und Schollen. Wir betreiben nicht Fisch- wirtschaft, sondern Fischraub. Das gefährdet das Gleichgewicht der Meere und unsere Nahrung.
Wir verschmutzen die Meere. Das UN-Umweltprogramm beklagt den Missbrauch der Meere als Müllhalde (80 Prozent kommt dabei vom Land, 20 Prozent von Schiffen). Mehr als eine Million Wassertiere verenden jährlich durch Plastikmüll. Zusätzlich stirbt das Leben im Wasser durch Abwassereinleitung und Überdüngung – nicht nur in der Ferne, sondern auch in der Ostsee. Zwischen Schweden und den baltischen Staaten sind riesige Teile der Ostsee sauerstoffarm oder schon sauerstofffrei. In der Helsinki-Kommission versuchen die Umwelt- minister der Ostsee-Staaten, das totkranke Meer zu retten.
An der Ostsee, in der Kieler Förde, ist eines der bedeutendsten europäischen Meeresfor- schungsinstitute zu Hause: das IFM GEOMAR hat gut 500 Mitarbeiter, darunter 350 Wissenschaftler. Weltweit sind sie mit Forschungsschiffen unterwegs, um die Regeln der Meere zu erforschen.Tauchroboter entnehmen Bodenproben aus bis zu 6000 Meter Tiefe. Die gewaltigen Bewegungen des Meeresbodens, die Entwicklung der warmen Unterwasserströme und die Wanderwege der Fische werden verfolgt. Meeresforschung ist auch Klimaforschung. Kann das Wasser weiterhin CO2 aufnehmen? Können wir Methanhydrat als Energiequelle nutzen? Kann zeitig vor Katastrophen wie den Tsunamis gewarnt werden? In dem Institut wird nicht nur geforscht, die Politik erhält exakte Informationen und gute Ratschläge. Oft bleibt der Rat ungenutzt.
Wir leben an der kranken Ostsee und wissen: Wenn die Meere sterben, haben auch die Menschen verloren.Wer sollte sich für saubere, lebendige Meere engagieren,wenn nicht wir in Schleswig-Holstein?


