Wenn Hermann ins Wasser platscht01.07.09

Auf der Suche nach Hermann, dem Rettungsdummy: Lehrer Hartmut Martin (63) mit Schülern der Seemannsschule Travemünde. Foto: Holger Kröger
Ihre Schüler/innen kommen aus dem gesamten Bundesgebiet: An der Seemannsschule Travemünde wird das Überleben auf See gelehrt.
Hermann hat es nicht leicht. Zum x-ten Mal liegt er im Wasser. „Mann über Bord!“ schreit einer. Gelbes Ölzeug dümpelt in grauen Wellen. Aber die Rettung naht: Drei junge Männer im Rescue-Boot fahren vorsichtig dem reglosen Körper entgegen,hieven ihn an Bord, übergeben ihn schließlich den helfenden Händen im größeren Bereitschaftsboot – alles während der Fahrt.
„Bewusstlose Person, Atmung vorhanden!“ heißt die Meldung. Dies ist Unterricht: 14 angehende Schiffsmechaniker lernen in der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule (SHS) in Travemünde Sichern und Retten. An Hermann zum Beispiel, einem 83 Kilogramm schweren Dummy. Junge Frauen und Männer aus dem gesamten Bundesgebiet kommen in die Seemannsschule: Matrosen, Arktis-Forscher, Bohrinsel-Besatzungen, Soldaten, Leute von Offshore-Windkraftanlagen. Was immer das Leben auf See sicherer macht – hier lernen sie es.
„Schmeiß weg!“, ruft Hartmut Martin, Lehrer für Schiffssicherheit, und wieder platscht Hermann ins Wasser für eine nächste Übung. Hartmut Martin, 63 Jahre alt, ist Lehrer mit Leib und Seele. „Seit 24 Jahren“, wie er betont, „und zwar an einer Schule mit ganz besonderer Atmosphäre. Denn hier wollen alle etwas lernen.“ Dass das an Regelschulen ganz anderes sein kann, weiß er aus Erzählungen. Seine Frau und seine Tochter sind Lehrerinnen. „Wer zur Seemannsschule kommt, will was lernen. Und alle erfahren, dass es auf See nur im Team funktioniert.“
Gelehrt wird auch der feine Unterschied zwischen Ängstlichkeit und Vorsicht: „Was nützt schließlich ein Retter, der ausfällt oder sogar selbst Hilfe braucht?“ fragt Martin. „Zur Schiffssicherheit gehört auch die eigene Sicherheit.“ Beispielsweise, sich die roten Tauchanzüge vernünftig anzuziehen, auch, wenn die nicht besonders schick aussehen. Und wer sich durchs Boot bewegt, nimmt die Hände seiner Kollegen. Vor seinem Lehrerdasein ist Martin als Nautiker zur See gefahren – typische Vorgeschichte einer SHS-Lehrkraft. Salzwasser haben hier alle im Blut.
Auf Salzwasser im Blut besteht auch Hark Paulsen. Er stammt aus Kiel, Meer und Seefahrt faszinieren ihn, seit er denken kann. Über Schiffssicherheit will er auf dem Priwall lernen, was es zu lernen gibt. Er ist 20 Jahre alt, Schiffsmechaniker- Azubi in Hamburg und hat noch viel vor. Nach der Lehre will er aber noch studieren. „Nautik.“ Und dann? „Dann will ich irgendwann auf die Brücke.“ Aber erst einmal geht es zum Bordeinsatz nach Newark. „Mal sehen, wohin die Fahrt dann geht.“ Er freut sich. Lehrer Martin kann das gut verstehen und murmelt etwas von Südamerika und dem Treiben in Hafenstädten. Ablenken lässt er sich aber nicht. Schon kommt beeindruckend laut ein nächstes Kommando.
100 Meter weiter ist die 70-Kilogramm-Puppe Bernhard im Einsatz. Es brennt. Rauch schlägt aus der Tür. „Rauchentwicklung in der Kombüse! Der Koch fehlt!“, meldet einer. Drei Retter packen sich in Atemschutzausrüstung und verschwinden in Qualm und Hitze. Augenblicke später tauchen sie wieder auf, den „Koch“ an Beinen und unter den Achseln gepackt. „Gut“, lobt Stefan Schmidt, 67-jähriger Kapitän zur See und ebenfalls Lehrer für Schiffssicherheit. Er trainiert gerade 14 Leute vom Jugend- und Ausbildungsschiff „Alexander von Humboldt“, die sich an diesem Nachmittag immer zu dritt, mit Atemschutzgeräten und schwerem CO²-Löscher durch die verqualmten Brandübungscontainer schlängeln, löschen und an Bernhard Lebensrettung üben.
„Der Qualm ist Disco-Nebel“, sagt Schmidt. „Ganz ungefährlich.“ Sehen kann man trotzdem nichts. „Wenn’s wirklich brennt, dann erkennt ihr die Hand vor Augen nicht. Dann seid ihr froh, wenn ihr Flammen seht“, warnt Schmidt. Eng ist es außerdem; aber da müssen die jungen Leute durch mit zwölf Kilo zusätzlichem Ausrüstungsgewicht und dem Bewusstsein, dass sie im Ernstfall nichts als Wasser um sich herum haben. „Solche Erfahrungen muss man mal gemacht haben“, sagt der Lehrer. Dass man im Falle eines Brandes besser nicht rückwärts stolpert, ist – hoffentlich - bekannt. Wie man zu zweit einen Verletzten so transportiert, dass beide Retter gehen und der Vordermann obendrein eine Hand frei behält, lernt man bei Schmidt: Der klemmt sich Bernhards Füße unter den rechten Arm und sichert die Hand an der Hosentasche. Gelernt ist gelernt . . .

