"Wir müssen in unserem Staat umbauen, wenn wir auf Dauer gerecht leben wollen“01.07.09
Anmerkungen zu politischen Themen Von Eckehard Raupach
Bei uns zu Hause ist es zurzeit ein bisschen hektisch – wir bauen im bewohnten Haus um. Das Haus ist 70 Jahre alt – Zeit für eine Renovierung. Das Dach soll Schutz bieten – einige Stellen sind nachzubessern, Gauben zu erneuern. Und damit das Wasser bei starkem Regen nicht ungebändigt über die Dachrinne die Hauswand herunter läuft, muss der Wasserlauf durch eine neue größere Dachrinne stärker reguliert werden. Da unsere fünf Kinder aus dem Haus sind, wird Platz frei – wir gliedern eine kleine Wohnung zum Vermieten aus. Unser Haus steht fünf Meter über der Straße; eine schmale, steile Betontreppe führt herauf. Vielen ist sie zu steil – ihnen wird angst und bange, sie schaffen den Aufstieg nicht. Durch Umbau werden wir den Aufstieg erleichtern.
Unsere Republik ist 60 Jahre alt. 60 Jahre ohne Krieg, 60 Jahre Demokratie – das ist von Wert, das ist schützenswert. Mit Recht wurde unsere Verfassung (die noch besser als die Wirklichkeit ist) in einem Festakt gefeiert. Feiern ist gut, genau hinsehen ist wichtiger: Wo ist unser Haus Bundesrepublik renovierungsbedürftig?
Der Staat ist das Schutzdach für die Bürger, gerade wenn sie in Not sind. In unserem Land steigt die Zahl der Armen (und der psychisch Kranken). In Kiel, wie in vielen anderen Städten, wächst jedes dritte Kind in Armut auf. Wenn die Armen ärmer, die Reichen reicher werden, muss im Hause Bundesrepublik das Schutzdach nachgebessert werden.
Viele Menschen gehen zur Arbeit und wissen nicht, wem ihre Firma gerade gehört. Hat ein anderer Konzern sie übernommen, gehört sie längst einem Bankenkonsortium oder hat ein internationaler Fonds die Banken gerade übernommen? Droht Insolvenz, geht der Arbeitsplatz verloren, wenn der Staat nicht Milliarden-Kredite gibt? Wohin fließen die Gewinne, in wessen Taschen steckt das Geld? Demokratie lebt von Überschaubarkeit, auch im Wirtschafts- und Finanzwesen. Es muss stärker reguliert werden.
Die Menschen in der Bundesrepublik werden älter; dennoch nimmt die Zahl der Deutschen ab: Zwischen 2004 und 2007 sank sie um 300 000, obwohl einige Zuwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber neue deutsche Staatsangehörige wurden. Gegenwärtig sind weltweit 42 Millionen Menschen auf der Flucht – für einige ist durchaus Platz in der Bundesrepublik. Wir können die Zugezogenen besser aufnehmen, wenn wir den Nationalismus und Rassismus reduzieren.
Für Kinder der Unterschicht, für arme Kinder, für Kinder von Migranten gibt es geringere Chancen, nach oben zu kommen. Wir müssen unser Bildungssystem von der Kinderkrippe bis zur Universität so umbauen, dass der Aufstieg für niemanden zu steil ist – wir brauchen jedes Talent.
Der Alltag unseres Hausumbaus bringt viel Arbeit, Stress und Staub. Das nehme ich gern in Kauf, weil ich in diesem Haus auf Dauer wohnen will. Wenn wir auf Dauer in einer friedlichen, demokratischen und gerechten Republik leben wollen, müssen wir in unserem Staat einiges umbauen. Ein bisschen Stress und aufgewirbelten Staub sollten wir nicht fürchten.


