"Akteure im Sozialraum: Eine Initiative aus Kiel packt kreativ an“03.08.09

Von: Eckehard Raupach

Anmerkungen zu politischen Themen Von Eckehard Raupach

Wenn nicht die Kieler Woche tobt und nicht gerade eine Landesregierung zusammenkracht, ist Schleswig-Holstein eine liebens- und lebenswerte, aber unbeachtete Provinz. Wer hier Bemerkenswertes entdecken will, muss genau hingucken. Anfang Juli konnte man sehen, dass 200 Arbeitsmarktexperten der Agentur für Arbeit aus der ganzen Republik nach Kiel kamen zu der Tagung: „Jobcenter – Akteure im Sozialraum. Jeder wird gebraucht!“ Es ging um die Frage: Haben die Jobcenter ausschließlich die Aufgabe, für den Einzelnen Leistungen zu erbringen? Oder stehen sie auch in Verantwortung für Stadtteilentwicklung und Sozialräume? Neben den Quartiersprojekten in Köln und Mannheim stand die Arbeit der Kieler ARGE „Initiative Gaarden“ im Mittelpunkt.

Der alte stolze Arbeiterstadtteil Gaarden steckt voller Probleme: 41,8 Prozent der Gaardener leben vom Leistungsbezug durch das Jobcenter. 68 Prozent der Kinder brauchen Sozialgeld. Neun von zehn Arbeitslosen erhalten Hartz IV. Mit dem Arbeitsschwerpunkt Gaarden und mit neuen Arbeitsmethoden will das Jobcenter nicht nur für den Einzelnen Leistungen erbringen, sondern auch Stadtteilentwicklung beeinflussen. Deshalb sind die Mitarbeiter nicht nach klassischer Ziffernzuordnung zuständig, sondern nach Straßenzügen; so werden sie auch mit den Problemen des Sozialraums konfrontiert. Das Jobcenter versteht sich als aktiver Teil eines Netzwerkes, zu dem auch Handel und Handwerk, Schulen und soziale Einrichtungen, Vereine und Verbände gehören. In dieses Netzwerk werden die Eingliederungsvereinbarungen eingebettet. Dazu gehören auch 500 Arbeitsgelegenheiten für Gaardener, die dem Stadtteil Nutzen bringen. Bislang wurden hierdurch 1.600 Hilfeempfänger erreicht (die Abbrecherquote beträgt nur vier Prozent). Im Anschluss fanden 50 Personen eigenständig Arbeit, 140 konnten durch das Center vermittelt werden.

Die Erfolge verdecken die Probleme nicht: Die Mehrheit fand nach dem Ein-Euro-Job keine Arbeit. Eigentlich suchen fast alle eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit. Und die Menschen, die mit der Gesellschaft abgeschlossen und jeden Mut verloren haben, werden nicht erreicht. Immerhin: Die „Initiative Gaarden“ lamentiert nicht, sondern packt mit kreativem gestalterischem Plan das Mögliche an. Für den Vorsitzenden der Regionaldirektion Nord, Jürgen Goecke, ist sie über Schleswig-Holstein hinaus einmalig. Sie taugt als Vorbild für Lübeck, Flensburg oder Neumünster ebenso wie für Kassel oder Rostock.

Die ARGE Kiel leistet Beachtliches für Gaarden; aber die Zuständigkeit für die Stadtteilentwicklung liegt in erster Linie bei den Verantwortlichen in Bund, Land und Stadt. In der Begrüßung hatte Kiels Oberbürgermeister Torsten Albig gemahnt: „Stadtteile können auseinanderfliegen, wenn wir keine vernetzte Strategie dagegen finden. Wir schreiben keinen Stadtteil ab und auch keinen Bürger. “ Man darf gespannt sein auf Albigs konkrete Impulse zur Bildungspolitik, zur Ausbildungsförderung und zum Arbeitsmarkt.