Den Fisch aus dem Strom ziehen01.04.10

Von: Finn Lukas Ehrich, Alexa Magsaam

Foto: Dieter Suhr

Zwei Jugendredakteure über ihre Selbsterfahrung als HEMPELS-Verkäufer

Man kennt ihren Anblick und begegnet ihnen fast täglich irgendwo auf den Straßen schleswig-holsteinischer Städte: HEMPELS-Verkäufer/innen sind längst Ausdruck sozialer Wirklichkeit im Land. Doch was wissen wir Passanten über die Arbeit dieser Menschen? Was über deren Empfindungen und Wahrnehmungen während des Verkaufs? Alexa Magsaam und Finn Lukas Ehrich aus unserer jungen Redaktionsgruppe wollten es genauer wissen und haben Ende Januar in der Kieler Innenstadt den Selbstversuch gewagt. Mit Verkäuferausweis und aktuellen Zeitungen ausgestattet boten sie an einem Nachmittag HEMPELS an.

Finn: Es ist kalt. Eiskalt. Der geräumte Schnee liegt am Straßenrand, braun und matschig. Die Leute eilen durch die Arkaden der Holtenauer Straße und sind fixiert auf ihren Einkauf. Sie alle schwimmen im Strom auf ihr jeweiliges Ziel zu. Inmitten dieses Stroms befinde ich mich mit meinen Zeitungen. Doch wie vorgehen, um erfolgreich verkaufen zu können? Aggressives Ansprechen wäre nicht gut und ist auch nicht erlaubt. Aber schnell merke ich: Gesten und Blicke sind die Brücke hin zu potentiellen Kunden. Zuerst werfen die aus sicherer Entfernung einen Blick auf das Titelblatt der Ausgabe. Anschließend wird auch mein Gesicht gemustert und analysiert. Das ist der entscheidende Augenblick. Nun ist es meine Aufgabe, den Fisch aus dem Strom herauszuziehen. Ich erwidere den Blickkontakt, setze ein besonders freundliches Gesicht auf. Doch vergebens, schnell kappt mein Gegenüber die visuelle Verbindung und geht raschen Schrittes an mir vorüber. Fehlanzeige, leider. Für mich ist das alles nur ein Spiel. Ich habe ja bloß eine Rolle eingenommen, die ich am Abend wieder verlassen werde.anders. Deren Erlöse bedeuten ihnen ihr täglich Brot. Mir frieren längst die Zehen. Eine ältere Dame nimmt nach dem Titelblatt nun auch mein Gesicht in Augenschein. Dann lächelt sie mich freundlich an, ich erwidere mit einem ebenso freundlichen Blick. „Diese Ausgabe habe ich noch nicht“, ruft sie mir schließlich zu. Endlich, die erste Zeitschrift ist verkauft, in der Hosentasche klimpern nun ein paar Münzen! Ich bemerke bei mir sogleich innere Befriedigung – ein gutes Gefühl. Jetzt bloß nicht nachlassen, sage ich mir und halte weiter Ausschau nach Kunden. Die Minuten verstreichen und der Himmel färbt sich schneegrau. Doch niemand spricht mich an, ich vertrete mir die Füsse, um die Kälte zu überwinden. Die Arkaden leeren sich schnell an diesem späten Nachmittag. Hier und da ein aufmunternder Blick eines Passanten. Ansonsten auch Ignoranz.

Alexa: Auch in mir steigt eisige Kälte hoch. Nach einer halben Stunde sind meine Zehen, trotz drei Paar Socken, kaum noch zu spüren. Ich trete auf der Stelle, um nicht ganz auszukühlen. Ein paar mitleidige Blicke werden mir zugeworfen, einige Passanten gucken fast zwanghaft zu Boden. Als ob sie sich dafür schämten, dass ich dort stehe. Dabei sind es auch für mich die kleinen Gesten, die kurzzeitig Anstrengung und Kälte vergessen lassen. Ein einfaches Lächeln oder auch nur ein Nicken und der Hinweis: „Danke, aber die Ausgabe habe ich leider schon.“ Eine Frau läuft an mir vorbei, ein kurzer Augenkontakt, ein Lächeln, sie läuft erst weiter, doch dann kommt sie zurück: „Ich nehme eine, bitte.“ Sie gibt mir drei Euro, „stimmt so.“ Ich habe meine erste HEMPELS in diesem Fall an die Frau gebracht. Doch nach der Flut kommt wieder Ebbe. Menschen eilen vorbei, scheinen durch mich hindurchzugucken hinein in die Schaufenster hinter mir. Plötzlich steht meine Soziologie-Professorin mit einer Bekannten vor mir. Ich verkaufe ein Heft und wir kommen ins Gespräch. Mein Selbstversuch als HEMPELS-Verkäuferin stößt bei beiden Frauen auf großes Interesse. Die Bekannte meiner Professorin steht in engem Kontakt zu dem Münchner Straßenmagazin „Biss“. Es ist dies eine jener zufälligen Begegnungen, wie man sie wohl nur auf der Straße erleben kann und nicht an der Uni. Eine knappe Stunde ist inzwischen vergangen und ich habe bisher zwei Hefte verkauft. Aber mir geht es ja nicht um den materiellen Erfolg. Ich muss jetzt an die „richtigen“ HEMPELS- Verkäufer denken. Daran, was es für sie bedeutet, auf diese bescheidenen Einnahmen angewiesen zu sein. Viele Menschen eilen derweil schnurstracks an mir vorbei zu ihrem Ziel. Schließlich kann ich noch ein drittes Heft verkaufen, wieder an eine Frau. Auffällig: Kein einziger Mann hat mir eine Zeitung abgekauft.

Alexa und Finn: Nach einer Stunde verlegen wir unsere Verkaufsplätze in die Holstenstraße. Das gleiche Bild – Leute eilen vorbei. Von vielen werden wir offenbar bereits aus der Ferne gesichtet – „ah, zwei HEMPELS-Verkäufer“. Jedenfalls bemerken wir immer wieder, dass Passanten ein paar Schritte zur Seite ausweichen und einen Bogen um uns herum machen. Es scheint, als stünde einigen ins Gesicht geschrieben: „Guck, die schlafen unter einer Brücke!“ Auch Für die normalen Verkäufer ist daswir, die wir bald wieder in unsere Alltage zurückkehren, fühlen uns in diesem Moment abwertend wahrgenommen. Doch gehört zum Leben nicht auch, dass auf ein Tief irgendwann wieder ein Hoch folgt? Also schnell Blickkontakte suchen – das bringt vielleicht Erfolg. Und tatsächlich: Gleich zwei Frauen gehen auf Finn zu und erleichtern ihn um zwei Ausgaben. Bei Alexa sieht es weiterhin mau aus. Nicht ein einziger Passant bleibt stehen. Inzwischen ist später Nachmittag und es wird immer kälter. Die Menschen gucken jetzt weder nach rechts noch nach links. Niemand scheint in der Eile noch Lust zu haben, den Blick auf zwei einsame HEMPELSVerkäufer zu werfen. Wir beenden unseren Selbstversuch und haben vor allem eine Erfahrung gemacht: Welche Bedeutung ein kleines Lächeln für einen anderen Menschen haben kann.

Nachtrag: Es dämmert bereits, als wir auf der Straße zufällig Hans-Georg treffen, einen „richtigen“ HEMPELS-Verkäufer. „Ich mag die Freiheit, die ich bei HEMPELS habe“, erzählt er uns. Wann und wie lange er Zeitungen verkauft, entscheidet er allein. Uns war es nach gut zwei Stunden nicht mehr möglich, die Kälte auszuhalten. Hans-Georg kann darüber nur lächeln: „Manchmal verkaufe ich acht Stunden, gehe zwischendurch vielleicht nur mal einen Kaffee trinken.“ Unsere Erfahrungen bestätigt er zum Teil: „Ja, manche Menschen haben keine Zeit. Sie peilen ein Ziel an und alles, was ihnen auf dem Weg begegnet, wird ausgeblendet.“ Trotzdem ist Hans- Georg sehr gerne HEMPELS-Verkäufer. Im Laufe der Zeit hat er sich auch einen Stammkundenkreis aufgebaut. Das ist sicherlich ein wichtiger Unterschied zu unserem Selbstversuch. Wir haben die Zeitung nur für ein paar Stunden angeboten, die vielen HEMPELS-Verkäufer/ innen hingegen bestätigen Tag für Tag neu ihr Vertrauensverhältnis zu den Kunden. Toll, dass es solch engagierte Menschen wie die Verkäufer gibt. Im besten Sinne sind sie lauter Lebenskünstler, wir wünschen allen viel Gutes!

Autor, 23, und Autorin, 21, beschäftigt schon lange die Frage, aus welcher Perspektive Straßenzeitungsverkäufer ihrer Arbeit nachgehen.