Der Vorleser01.05.10
Lothar Strohbehn aus Kiel präsentiert HEMPELS-Verkäufern Literaturlesungen
Er will Menschen zum Zuhören bewegen: Lothar Strohbehn, Taxifahrer aus Kiel, liest anderen vor. Seine Zuhörer sind unter anderem HEMPELS-Verkäufer und weitere Besucher unseres Vereinscafés „Zum Sofa“ in der Kieler Schaßstraße. Seit 2007 veranstaltet er dort regelmäßig Lesungen, immer unter dem Pseudonym „Nick Jeckelsen“. Und wie sein Publikum ist auch das, was er liest, nicht gewöhnlich, sondern steuert gegen den Mainstream. „Außenseiterliteratur“ ist immer Gegenstand seiner Lesungen. Ein „Anlesen gegen die heutige Fernsehkultur“, wie der 58-Jährige es formuliert. Strohbehn selbst hat ein abwechslungsreiches Leben hinter sich: Das Fachabitur auf zweitem Bildungsweg, eine Ausbildung zum Tischler, später Selbstständigkeit, unter anderem als Gastronom. In dieser Zeit wurde ihm auch eine äußerliche Ähnlichkeit zu Schauspieler Jack Nicholson bezeugt – daher der Spitzname. Nach seiner Schulzeit reiste Strohbehn gut zwei Jahre durch Nordamerika, um aus dem Alltag rauszukommen und ein Stück Freiheit zu genießen. „Ich habe auf der Straße studiert“, fasst er sein bisheriges Leben zusammen. Nun fährt er in seiner Heimatstadt Kiel Taxi, meist nachts. Am häufigsten liest Strohbehn Auszüge aus den Werken Charles Bukowskis. Der 1994 verstorbene Autor, ein deutsch-stämmiger US-Amerikaner, dessen Werk längst Kult geworden ist, stellt in seinen oft autobiographischen Erzählungen krass und ungeschönt „Amerika von unten“ dar. Das Besondere an Bukowski liegt für Strohbehn in der „kritischen, aber vor allem zeitlosen Beschreibung gesellschaftlicher Zustände“. Schon seit 1975 ist er ein begeisterter Leser der Werke Bukowskis. „Bukowski wandte sich gegen jegliche Moralvorstellungen“, begründet Strohbehn seine Auwahl weiter, „er weigerte sich, mit dem Zeitgeist zu gehen und wahrte dabei als Außenseiter immer eine kritische Distanz“. Einige Gäste unseres Cafés kannten den Schriftsteller Bukowski bereits vor den von Lothar Strohbehn angebotenen Lesungen – bei weitem aber nicht alle. „Die meisten Zuhörer kommen zunächst, weil sie mich kennen oder neugierig auf meine Person sind.“ Denn auch Strohbehn ist regelmäßiger Besucher unseres Cafés „Zum Sofa“. Ein Interesse an den Menschen, die sich dort aufhalten, ist seine Motivation, das Café zu besuchen. „Außerdem wohne ich sozusagen bei HEMPELS um die Ecke.“ Nun verbringt der Taxifahrer, der mittlerweile auch förderndes HEMPELS-Mitglied ist, so manchen Mittag dort unter Freunden und Bekannten bei einer Tasse Kaffee. Schon vor den HEMPELS-Lesungen hat Strohbehn Texte zum Besten gegeben – zuerst im privaten Kreis, später auch im „Café Zebra“. Der Betreiber des Kieler Cafés, ein Bekannter von ihm, hatte angefragt, ob er nicht mal eine öffentliche Lesung machen wolle. „Ich lese selbst sehr gerne, vor allem Erzählungen“, sagt der 58-Jährige über seine Motivation, „und ich möchte das auch anderen Menschen vermitteln.“ Ob „Nick Jeckelsen“ irgendwann wohl auch mal aus eigenen Werken vorlesen wird? Verfasst hat Strohbehn bisher zwar noch nichts. Es sei jedoch durchaus ein Wunsch, selbst zu schreiben – und das Verfasste anschließend natürlich auch vorzulesen. Schreiben würde er wahrscheinlich „Erzählungen von persönlich erlebtem Alltag“ – also das, was er auch an Bukowski so schätzt. Bis es soweit ist, trägt die 29-jährige Tochter Mara-Lisa seine Träume weiter. Nach ihrem Studium hat sie den Weg in die Medien eingeschlagen und volontiert zurzeit bei einem Radiosender. Der 27 Jahre alte Sohn Hendrik des geschiedenen Vaters Strohbehn studiert Luft- und Raumfahrttechnik. Die Atmosphäre während der Lesungen empfindet Strohbehn stets als „positiv und aufgeschlossen“ – das Publikum sei interessiert, oft kämen auch Fragen. Die Lesungen finden offensichtlich Anklang, denn oft wird nachgefragt: „Wann liest du denn mal wieder?“ Einige Zuhörer sind so begeistert von den vorgetragenen Texten, dass sie zu Hause selbst weiterlesen. Ein „Sofa“-Besucher, der bereits Gast bei einer „Nick Jeckelsen“-Lesung von Strohbehn war, erzählt, dass er vor allem „die gemütliche Runde“ schätze – aber auch die Möglichkeit, sich über die Texte auszutauschen. „Die Lesungen sind interessant; Bukowskis Thematik gefällt mir persönlich jedoch nicht – vielleicht könnte Lothar ja mal etwas anderes lesen“, so der Besucher. Und tatsächlich wird die nächste Lesung von „Nick Jeckelsen“ sich nicht um Bukowski drehen, sondern um ein aktuelles Thema. Im Mai rezitiert er aus dem Buch „101 Gründe ohne Fußball zu leben“ von Marko Lucht und Dirk Udelhoven kritische Betrachtungen zum Thema Fußball und Weltmeisterschaft. Dann heißt es wieder: „Weg vom Fernsehwahnsinn“ und hin zum Zuhören.


