„Die Welt hat von Südafrika eine verzerrte Vorstellung“01.06.10

Von: Olaf Neumann

Die Rockband Parlotones über ihre Heimat, in der die Fußball-WM stattfindet. In ihrer Heimat Südafrika gehört die Rockband The Parlotones längst zu den Superstars. Wenn jetzt in ihrem Land die Fußballweltmeisterschaft stattfindet, dann werden die Parlotones beim großen Eröffnungskonzert am 10. Juni dabei sein. Ein Interview mit dem Sänger und Songschreiber Kahn Morbee über südafrikanische Lebensart, afrikanischen Fußball und die Sicherheitslage in den Kap-Metropolen.

Sie sind – zusammen mit Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu – Sprecher der Initiativen Live Earth und Earth Hour, die zu einem größeren Umweltbewusstsein aufrufen. Hat Entertainment die Kraft, die Welt positiv zu verändern?

Leute wie wir, die im Rampenlicht stehen, haben einen direkten Draht zu ihren Fans. Diese kann ich mit wichtigen Informationen versorgen. Und zwar viel schneller als jeder andere. Man muss die Leute nicht notwendigerweise von einer bestimmten Sache überzeugen oder ihre Gehirne waschen. Man kann einfach mit ihnen reden und hoffen, dass sie anfangen, über die Auswirkungen ihres Handelns nachzudenken. Die Welt braucht mehr geistig-moralische Führer wie Desmond Tutu und Nelson Mandela.

Mit „Should We Fight Back“ haben Sie eine Hymne auf Nelson Mandela geschrieben. Was halten Sie von seinen präsidialen Vorgängern?

In der Vergangenheit hatte unser Land einige der schlechtesten Führer, die man sich vorstellen kann. Zum Glück liegt das hinter uns. Unser gegenwärtiger Präsident Jacob Zuma ist sehr umstritten hinsichtlich seines Lebenswandels. In einem Land, das große Probleme mit Aids hat, gibt er kein gutes Vorbild ab. Aber als Politiker macht er einen akzeptablen Job. Auch Bill Clinton hatte während seiner Amtszeit Sex-Skandale, aber für mich war er immer noch ein besserer Präsident als George W. Bush.

Ein Song der Parlotones heißt „The Brighter Side Of Hell“. Was verstehen Sie unter der “leuchtenden Seite der Hölle”?

Das ist Johannesburg, unsere Heimatstadt. Besonders in den internationalen Medien wird diese Millionenmetropole, in der es definitiv viel Kriminalität gibt, nicht immer richtig dargestellt. Demnach müsste jeder Südafrikaner entweder Aids haben, Rassist sein oder Verbrecher. Aber wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann waren davon bislang vielleicht zwei Prozent von Kriminalität betroffen. Das reicht nicht, um Johannesburg als Hort des Verbrechens abzukanzeln. Trotz dieser Unzulänglichkeiten gibt es auch eine andere, fröhlichere Seite. Mein Blick auf die Stadt ist optimistisch, aber ich verschweige nicht ihre negativen Aspekte. In armen Vierteln wie Soweto bleibt die Situation weiterhin angespannt. Aber insgesamt ist die Sicherheitslage deutlich verbessert worden.

Hat der Rest der Welt eine falsche Vorstellung von Südafrika?

Ich glaube, das Bild ist verzerrt. Vieles, was über meine Heimat geschrieben wird, stimmt faktisch. Aber die Zahlen sind maßlos übertrieben. Schwerer Fußball-Hooliganismus zum Beispiel kommt bei uns definitiv vor – aber vielleicht einmal im Jahr. Wenn das meine Vorstellung von Fußball wäre, würde ich mir niemals ein Spiel im Stadion angucken. Die Medien stellen am liebsten die negativen Aspekte heraus. Glaubt man südafrikanischen Zeitungen, herrscht in Frankreich zurzeit der Ausnahmezustand, weil ein paar linke Chaoten Autos anzünden. Davon ist das Land aber noch weit entfernt.

Am 10. Juni werden die Parlotones beim offiziellen Eröffnungskonzert zur Fußball-Weltmeisterschaft im Orlando- Stadion in Soweto auf der Bühne stehen – neben Shakira, Alicia Keys und den Black Eyed Peas. Speziell für die ARDFußballberichterstattung haben Sie den Song „Come Back As Heroes“ aufgenommen.

Die ARD hatte einen externen Songwriter beauftragt, eine Fußballhymne zu schreiben und anschließend eine Band gesucht, die ihn interpretiert. Eine ganze Reihe internationaler Künstler standen auf der Shortlist, aber wir konnten uns letztendlich durchsetzen, indem wir „Come Back As Heroes“ auf unsere ganz eigene Weise interpretiert haben. Ich finde es gut, dass eine Band aus Südafrika die offizielle Hymne der ARD singt.

Wird das südafrikanische Nationalteam – die Bafana Bafana - allgemein unterschätzt?

Ich denke ja. Aber daran ist die Mannschaft zum Teil selbst schuld. In unserem Team gab es viel Chaos und viele personelle Wechsel. Am Ende stand da ein brasilianischer Trainer, der kein Englisch spricht, sondern Portugiesisch. In Südafrika werden zwar viele Sprachen gesprochen, aber Portugiesisch gehört leider nicht dazu. Ich halte es für ein Problem, wenn der Trainer nicht direkt mit seinen Spielern kommunizieren kann. Carlos Alberto Parreira wurde vor allem wegen seines WM-Sieges mit Brasilien von 1994 verpflichtet. Mein Herz schlägt für unsere Jungs, aber mein Kopf sagt, dass wir nicht über die magischen Spieler à la Lionel Messi verfügen, die ein Match rumreißen können.

Welches sind die Stärken des afrikanischen Fußballs?

Afrikanischer Fußball ist unvorhersehbar. Das ist seine Stärke, aber auch gleichzeitig seine Schwäche. Unsere Teams dürfen auf keinen Fall versuchen, europäischen Fußball nachzuspielen, sie sollten eigene Formen entwickeln und sich kompromisslos auf ihre Stärken besinnen. Wenn eine afrikanische Mannschaft eine Chance auf den Weltmeistertitel hat, dann ist es die Elfenbeinküste.

Was ist typisch für Südafrika?

Schwer zu sagen. In Südafrika trifft man auf viele unterschiedliche Kulturen; elf offizielle und diverse inoffizielle Sprachen. Darüber hinaus durchmischen sich Amtssprachen wie isiXhosa, isiZulu, Sepedi, Setswana, SiSwati, Tshivenda, Xitsonga und isiNdebele noch oder sie werden durch Slang angereichert. Mit Englisch und Afrikaans kommt man bei uns aber ganz gut durch. Was meine Landsleute vereint, ist wahrscheinlich unsere liebenswerte, fröhliche und gastfreundliche Art. Fußballspiele in Südafrika sind extrem laute und wilde Partys. Selbst die Ärmsten der Armen singen, lachen und tanzen gerne. Es mag wie ein Klischee klingen, aber das liegt auch am Wetter.

Wie populär ist Rockmusik in Südafrika?

Mittlerweile ziemlich populär. Aber dass wir als Rockband zu Hause so erfolgreich sind, ist eine Ausnahme. Die meisten Rocker können nicht allein von der Musik leben. Ich bin mit den Platten von The Smiths, The Cure, R.E.M., INXS und Radiohead aufgewachsen. Als wir anfingen, schlummerte die Rockszene Südafrikas vor sich hin. Es gab niemanden, an dem man sich orientieren konnte. Zum Glück hat sich das mittlerweile geändert.