„Geht einfach nicht mehr anders“01.04.10

Von: Sarah Dieckmann

Foto: Dieter Suhr

Sozialläden boomen, weil immer mehr Menschen von Armut betroffen sind

Gerade hat sich das jüngere Paar für wenige Euro einen gebrauchten Computerbildschirm gekauft. Und jetzt beim Verlassen des Sozialladens in der Kieler Innenstadt sagt die Frau fast entschuldigend: „Man schämt sich schon, hier einkaufen zu müssen. Man fühlt sich ausgegrenzt von der Gesellschaft.“ Ihr Freund fügt hinzu: „Früher konnten wir auch in normalen Läden einkaufen, heute geht das einfach nicht mehr.“ Sozialläden boomen in Deutschland, auch in Schleswig-Holstein. Während es selbst großen Kaufhausketten schwer fällt, weiter am Markt zu bestehen und sie wie Karstadt Insolvenz anmelden, werden Sozialkaufhäuser inzwischen fast überrollt vom wachsenden Kundenstrom. Für viele Beobachter ist das ein Ausdruck steigender Armut. Britta Staack, Marketingleiterin der Obolus-Sozialläden in Kiel: „Die Nachfrage ist seit Gründung unseres ersten Ladens im Sommer 2005 enorm gestiegen.“ Damals zählte man rund 200 Kunden im Monat, aktuell sind es allein dort bereits vier Mal so viel – Tendenz weiter stark steigend. Inzwischen betreibt Obolus, ein vom Jobcenter Kiel ins Leben gerufenes Projekt der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW), zwei weitere Sozialläden in der Landeshauptstadt mit zusammen knapp tausend weiteren Kunden pro Monat. Ursprünglich war bei der Gründung von Obolus das zentrale Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen und ALG-II-Empfänger in Ausbildung und Beschäftigung zu bringen. Daran werde zwar mit zurzeit 70 Teilnehmenden, vor allem Jugendlichen, weiterhin festgehalten, so Staack. Doch längst habe an Bedeutung gewonnen, Arme mit günstigen Artikeln wie Kleidung, Spielzeug, Rädern oder Computerteilen zu versorgen. Alle Artikel sind gebraucht, werden den Läden gespendet und dort teilweise vor dem Verkauf aufbereitet. Etwa zehn Sozialläden gibt es inzwischen in Schleswig-Holstein, den ersten seit 1999. Sie werden von unterschiedlichen Trägern geführt. Neben FAW-Obolus ist dies vor allem der Verband „Sozialläden Nord“, der in Husum, Bredstedt, Kiel, Rendsburg und Schleswig fünf Sozialkaufhäuser unterhält. Mal kann jeder Bedürftige in einem Sozialladen billig einkaufen, mal wie bei Obolus nur Bezieher von Hartz-IV-Leistungen. Auch für das Diakonische Werk Schleswig-Holstein ist die deutlich gewachsene Nachfrage nach Sozialläden ein Ausdruck wachsender Armut. Sprecher Reinhard Sievert: „Seit immer mehr Menschen auf Hartz IV angewiesen sind, werden diese Angebote immer wichtiger.“ Holger Wittig-Koppe, Sprecher des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, betont: „Armut ist Teil unserer neoliberalen Gesellschaft, Menschen können untergehen. Hartz IV verschleiert das Armutsproblem bloß.“ Und Uwe Quedens vom Verband der „Sozialläden Nord“ meint: „Sozialläden werden zunehmend von Personenkreisen frequentiert, die vorher niemals so ein Geschäft betreten hätten.“ Für Steffen Raubach, 2. Vorsitzender vom zum Nordverband gehörenden Sozialladen Kiel e. V., welcher den Laden „Sparfuchs“ betreibt, besteht die Aufgabe der Sozialläden auch darin, „ein Auge für die Armut zu öffnen.“