Ich sehe was, was du nicht siehst01.06.10
Erste Werkschau autistischer Kunst mit Teilnehmern aus Norddeutschland
Gerade hat Johannes Dechau die Arbeit an einer neuen Lady- Luck-Zeichnung beendet. „Als Autist lebt man in einer eigenen Welt“, sagt der 27-jährige Hamburger Maler, „ich muss mich zufrieden geben mit dem, was ich habe.“ Mit der aus vielen Einzelbildern bestehenden Glückslady-Serie hat er sich eine Welt geschaffen, in der auch Platz für weibliche Nähe und Erotik ist. Dechau wird zusammen mit sieben weiteren autistischen Künstlern aus Schleswig-Holstein und Hamburg auf der bundesweit ersten Werkschau von Künstlerinnen und Künstlern mit Autismus vertreten sein, die seit Ende Mai und noch bis 20. Juni in der documenta-Halle in Kassel stattfindet. Neben Bildender Kunst präsentiert die Ausstellung Arbeiten aus den Bereichen Fotografie und Video. Das Motto „Ich sehe was, was du nicht siehst“ verweist auf die besondere Bedeutung autistischer Kunst – mit Bildern zeigen, dass man die Welt anders sehen kann, als sie tatsächlich ist. Initiator der Werkschau unter dem von ihm geschaffenen Dach von „akku – Autismus, Kunst und Kultur“ ist Volker Elsen, Inhaber einer Kommunikationsagentur im ostwestfälischen Paderborn, dessen 49 Jahre alter Bruder Matthias Autist ist. Gemeinsam mit der Hamburgerin Angelika Wiesner, deren 33 Jahre alte autistische Tochter Stefanie schon seit einigen Jahren bei den Schlumpern malt, einer weithin anerkannten Galerie behinderter Malerinnen und Maler, hat Elsen die Ausstellung zu einem Teil der Feierlichkeiten zum 40-jährigen Jubiläum des in der Hamburg ansässigen Bundesverbandes Autismus Deutschland gemacht. Die Hauptausstellung zeigt Werke von 60 Künstlern mit besonderen Fähigkeiten. Arbeiten weiterer 140 Künstler werden in einer Talentwerkstatt zu sehen sein. Von bis zu 100.000 Menschen mit einem schweren Behinderungsbild wie frühkindlichem Autismus wird in Deutschlandausgegangen. Noch um ein mehrfaches höher dürfte die Zahl der Menschen sein, die mit leichteren Formen von Autismus leben. Genauere Zahlen gibt es laut Bundesverband nicht, da viele von der Krankheit betroffene Menschen versuchen, weitgehend unauffällig ihren Alltag zu gestalten. Als gesichert gilt, dass unter tausend Geburten sechs bis sieben mit einer Autismusspektrumsstörung sind. Vielen Autisten fällt es schwer, Kontakt zur Umwelt aufzunehmen. „Die große Angst autistischer Menschen ist die vor dem Gegenüber“, so Angelika Wiesner. Autisten seien „überfordert mit Dingen, die wir Gesunden als komplett normal empfinden“, fügt Volker Elsen hinzu. Deshalb suchten sie sich ihre eigenen RückzugsmoÅNglichkeiten. „Ihre Sicht der Dinge ist eine alternative“, so Elsen, „im Kern besteht die Behinderung ja aus einer veränderten Wahrnehmung der Welt.“ Und wo der Mensch in seiner Wahrnehmung verändert ist, „da wird auch das Kunstwerk verändert sein.“ Diese „alternativen Angebote des Sehens“, wie es Initiator Elsen beschreibt, werden bei der Kasseler Werkschau, die auch die Lücke hin zum etablierten Kunstbetrieb schließen helfen soll, im Mittelpunkt stehen. Autistische Kunst, die ohne Vorsatz geschaffen wurde und in der doch ein jedes Mal eine eigene Vorstellung von der Welt, im Großen wie im Kleinen, zum Ausdruck kommt. „Es geht dabei auch um das Thema Orientierung“, sagt Volker Elsen, „und darum, wie autistische Künstler die Welt neu verordnen.“ Johannes Dechau, der autistische Maler aus Hamburg, sagt, bei seiner künstlerischen Arbeit verlasse er sich „auf das, was so passiert. Dann wird das schon ganz gut werden.“ Vor sich auf dem Block wächst inzwischen Strich um Strich ein neues Bild seiner Glückslady. Der 27-Jährige arbeitet ganz unaufgeregt am zeichnerischen Blick auf die eigene Welt.


