Im Würgegriff01.04.10
Auch die Theater zittern angesichts der Finanzkrise um ihre Existenz. Wie viel Kultur will sich die Gesellschaft leisten?
Zu wenig Geld für Schulen. Sozialprojekte werden an die Wand gerechnet. Das kostenlose Kita-Jahr ist kaum geboren, da wird es schon wieder zur Diskussion gestellt: Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die ohnehin knappen öffentlichen Kassen fest im Würgegriff. Mittendrin zittert auch die Kultur, ganz tief in der Klemme stecken die Theater. Wie viel Kultur können wir uns noch leisten? Diskussion soll sein, auch darüber, wie viel Kultur sich eine Gesellschaft leisten will. Um eine möglichst öffentliche Debatte darüber anzuschieben, schlug Christian Schwandt, GeschaÅNftsführender Direktor des Lübecker Theaters, schon mal die große Pauke. Weil sein durchaus erfolgreiches Haus trotz aller Bürgerliebe durch steigende Personalkosten von einem satten Minus bedroht ist, kündigte er den Mietvertrag mit der Stadt: Fast 413.000 Euro Miete pro Jahr hat er bisher überwiesen. Von August an will Schwandt nur noch 108.000 Euro bezahlen. Das Eingesparte kann das Theater gut gebrauchen. 400.000 Euro zeigt der Stand der Unterdeckung aktuell an, auf 900.000 Euro droht er in der kommenden Spielzeit zu wachsen. Mit den Tariferhöhungen der Löhne im Öffentlichen Dienst galoppieren den Theatern die Personalkosten davon. In Kiel ist das nicht anders; dort fehlen 500.000 Euro in der laufenden Spielzeit, und in der kommenden Spielzeit sind 1,5 Millionen Euro Unterdeckung möglich. Dabei geht es den Lübeckern und den Kielern noch relativ gut. Das Schleswig-Holsteinische Landestheater dagegen kraucht seit Jahren am Rande seiner Existenz. 1,4 Millionen fehlen in deren Kasse; ein Loch, das in der Vergangenheit mit einem Haustarif gestopft wurde. Inzwischen ist der Niedergang zum Greifen nahe. „Wir erleben die dramatische Gefährdung unserer Geschichte“, sagte der scheidende Intendant Michael Grosse unlängst. Wenig später, als der Landtag den drei großen Häusern jedwede Zuwendung über die derzeit 36,7 Millionen Euro pro Jahr hinaus verweigerte, sprach er vom „Todesstoß“. Das ist nicht nur für die 380 Landestheater-Mitarbeiter dramatisch. Das bedeutet auch für weite Teile des Landes den Anfang vom Ende vermeintlich unantastbarer Kultur. Denn das Schleswig-Holsteinische Landestheater bespielt 122 Orte an der Westküste und in den mittleren Landesteilen. Ohne Landestheater klafft eine gigantische Kultur- und Bildungslücke im Land. Schon jetzt könne man „kaum noch Theater machen“, klagt Grosse. 122 Spielorte heißt vor allem: unterwegs sein. Hochgerechnet stemmt das Landestheater ein ungleich gewaltigeres Programm als das Theater Lübeck (320 Mitarbeiter) und das Theater Kiel (470 Mitarbeiter). Und das bei deutlich schwerer zu berechnendem Publikum. Insgesamt kostet das Rundum- Angebot 19,5 Millionen Euro im Jahr, aus öffentlichen Töpfen kommen davon 17,3 Millionen. Lübeck hat einen Etat von 18,2 Millionen Euro (Stadt- und Landeszuschuss: 15,6 Millionen), Kiel hat einen Etat von 29,1 Millionen Euro (Stadt- und Landeszuschuss: 25,5 Millionen). Gemessen an Hartz-IV-Sätzen ist das ein hoher finanzieller Aufwand – und dazu ein dauernd hoher, denn Staatstheater können nur zehn bis höchstens 20 Prozent ihres Etats selbst erwirtschaften. Der Rest ist immer Subvention. Dass das zuviel sei, ist vor allem in Zeiten schleppender bis niedergehender Konjunktur immer wieder zu hören. Können wir uns so etwas leisten? Die Debatte um Theaternöte und Theatersubventionen ist ein alter Hut. 2003 formulierte der damalige Bundespräsident Johannes Rau in seinem Grußwort zur Eröffnung des Kongresses der Kulturstiftung der Länder „Bündnis für Theater“: „Wenn über Theater im Zusammenhang mit Geld gesprochen wird, fallen reihenweise Begriffe wie: hochsubventioniert, Luxusgut oder aber chronisch unterfinanziert. War früher von Einsparungen die Rede, wird heute der Kahlschlag bemüht, so dass der Rasenmäher schon fast als erträgliche Variante von Kürzungen empfunden wird. Um nicht missverstanden zu werden, da gibt es manche Fragen, die ich für völlig legitim halte: Darf etwas soviel kosten? Darf man sich mit öffentlichem Geld gegenseitig Konkurrenz machen und dadurch Gagen nach oben treiben? Darf die Auslastung der Theater zum alleinigen Maßstab von Erfolg gemacht werden? Zunächst müssen wir uns aber darüber klar werden, wie viel wir uns leisten wollen an Theater und Oper und wie wenig wir uns leisten dürfen. Darum geht es bei dem Versuch, einen neuen Konsens für Theater und Oper zu finden. Die Frage, was wir uns leisten können, führt mitten in den Alltag unserer Zeit.“ Ganz ähnlich sagen es alle, die sich einerseits sozialen und politischen Realitäten stellen müssen, andererseits aber die Strahlkraft eines hochkarätigen Kulturangebots erkennen. Insgesamt kommen 600.000 Besucher pro Jahr in die Vorstellungen von Landestheater sowie der Bühnen in Lübeck und Kiel. Die Personal- und Sachausgaben beziffern sich zusammen auf 65 Millionen Euro. Somit sind die Theater auch als Arbeitgeber keine kleinen Nummern. Und sie machen die Menschen im Land mobil. Das Lübecker Theater beispielsweise zieht von seinen 178.000 Besuchern jährlich 30.000 in die Stadt, die aus 100 Kilometern Entfernung und mehr anreisen. Gerade hat die Industrie- und Handelskammer das Theater als „wichtigen Wirtschaftsfaktor“ gelobt und einen gemeinsamen Arbeitskreis von Kulturschaffenden und Wirtschaftsvertretern angeschoben. Vor allem schafft Theater in Zeiten von medialer und nicht mehr nur gelegentlich grenzdebiler Dauerberieselung Vergnügen für den Geist, bewahrt Kultur, transportiert sie durch die Generationen. „Die Finanzierung von Theater und Oper ist eine öffentliche Aufgabe, und das muss so bleiben“ meinte auch Bundespräsident Rau. Und: „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es die Verankerung von Kultur als Pflichtaufgabe auf allen staatlichen Ebenen. Auch die gerechtere Verteilung der finanziellen Lasten zwischen Bund, Ländern und Gemeinden gehört zu meinen dringenden Wünschen. Verschiebebahnhöfe, auf denen Bund und Länder Lasten auf Städte und Gemeinde zurollen lassen, gehören stillgelegt.“ Das war, wie schon erwähnt, anno 2003. Dem ist nichts Neues hinzuzufügen.


