„Meine depressive Grundhaltung bewahre ich mir“01.04.10
Johann König über sein Rollenbild und Behinderung als Gegenstand von Humor Wenn es um die Volkskrankheit Depression geht, fällt vielen Menschen immernoch die Klappe runter. So gesehen ist es schon ungewöhnlich, dass der Komiker Johann König ausgerechnet mit dem Rollenbild eines depressiv Stammelnden andere Menschen zum Lachen bringt. Im Interview spricht der frühere Student der Sonderpädagogik auch darüber, ob Humor sich über Menschen mitBehinderung lustig machen darf.
Johann König, gleich eine persönliche Frage: Glauben Sie an einen Gott, an welchen auch immer?
Nein, an Gott glaube ich nicht.
Viele Künstler suchen den Weg hin zu dem einen oder anderen Glauben scheinbar in der Hoffnung, dort Halt zu finden. Bleiben im Showbusiness Bindungen und soziales Leben auf der Strecke?
Klar, manchmal schon. Durch meine Arbeitszeiten bin ich natürlich haltloser als andere Menschen, als Künstler lebt man an einem Großteil der Gesellschaft vorbei. Wenn ich morgens aufwache, dann sind meine Nachbarn schon lange arbeiten. Und wenn ich dann auf der Bühne arbeite, haben sie alle längst Feierabend. Ich glaube an meine Familie, sie gibt mir genug Halt.
Woher nimmt man das Selbstbewusstsein, um jeden zweiten Abend vor ein paar Hundert oder Tausend Menschen auf einer Bühne zu bestehen?
Ich weiß, dass ich das kann, deshalb stellt sich für mich die Frage nicht. Und ich bleibe immer authentisch, das spart Kraft. Ich muss mich nicht sehr verstellen. Ich kann auf der Bühne auch sagen: „Oh, was hab ich heute keinen Bock!“ Und das Publikum lacht weil es glaubt, der meint das nicht ernst.
Selbstbewusstsein speist sich immer aus Können?
Als ich vor gut zehn Jahren anfing, war ich wirklich ganz schüchtern und dachte: „Was für eine Welt, in die du da geraten bist!“ Mittlerweile bin ich ein alter Hase, da entwickelt sich auch Selbstvertrauen.
Viele Künstler sagen von sich, privat überhaupt nicht selbstbewusst zu sein. Reine Koketterie?
Es gibt tatsächlich viele, die ohne Bühne kein Selbstvertrauen haben. Wenn die Leute mal nicht lachen, dann sind sie verunsichert, sie ziehen ihr Selbstbewusstsein nur aus dem Beruf. Das versuche ich nicht zu machen. Auch wenn es auf der Bühne mal nicht so läuft, habe ich immer noch genug Leute um mich herum, von denen ich Bestätigung bekomme.
Auf der Bühne einen Brüller nach dem anderen raushauen zu müssen heißt Druck aushalten zu können. Gehört zu Ihrer Art der Kompensation das Rollenbild, das Sie sich gewählt haben – die depressive Nervosität?
Stimmt. Aber was heißt gewählt? Ich bin ja ein Stück weit so, ich muss mich nicht groß verstellen. Deshalb spüre ich den Druck nicht.
Eine depressive, stammelnde Stimmungskanone zu sein, wie passt das zusammen?
Genau dieser Widerspruch macht die Sache ja interessant. Als Alleinunterhalter ist es meine Aufgabe, Stimmung zu verbreiten. Trotzdem bewahre ich mir eine depressive Grundhaltung. Ich stelle mich vor die Leute und sage: „Ich weiß jetzt auch nicht, was ich sagen soll.“ Dann gucke ich sie an und sage: „Ja, ich fühle mich gerade beobachtet.“ So passt das zusammen.
Depressionen und gute Laune – vielen Menschen fällt die Klappe runter, wenn es um die Volkskrankheit Depression geht. Lachen die Menschen bei Ihnen nicht auch über sich selbst?
Stimmt schon. Viele finden sich wieder in so einer Antriebslosigkeit, wie ich sie verkörpere. Aber ich würde nicht so weit gehen, dass ich anderen den Spiegel vorhalte.
Sie haben früher Sonderpädagogik studiert und wollten Lehrer werden. Ihre Examensarbeit sollte die Bedeutung von Humor bei Menschen mit Behinderung behandeln. Ist die noch fertig geworden?
Ich habe mich inzwischen davon verabschiedet, nochmal als Lehrer einzusteigen. Aber ich habe damals viele Menschen mit Behinderung und nicht behinderte Menschen interviewt über ihr jeweiliges Verhältnis zum Humor und zu der Frage, wo Grenzen sind.
Und, wo sind die?
Nicht behinderte Menschen haben keine große Chance, Witze über Behinderte zu machen. Behinderte hingegen sagen, dass sie es eigentlich ganz gerne hätten, wenn Witze über sie gemacht würden, es müssen ja keine sehr bösen sein.
Weil sie sich benachteiligt fühlen?
Ja. Der Comedian Kaya Yanar erzählte mir mal, Griechen hier im Land hätten sich bei ihm beschwert, dass er sich immer nur über Türken lustig gemacht hat. Sie fühlten sich benachteiligt, weil sie in seiner Satire nicht vorkamen. So habe ich das auch in meinen Gesprächen mit Behinderten erlebt. Untereinander haben sie sowieso einen teilweise sehr krassen Humor.
Darf Behinderung überhaupt Gegenstand von Humor sein? Oder nur das Verhalten eines Menschen, egal ob mit oder ohne körperliches Handicap?
Im Grunde beides. Interessanter ist natürlich immer das Verhalten, aber es geht auch um Äußerlichkeiten. Und da darf man einen Behinderten auch mal als Arschloch darstellen so wie kürzlich einen tatsächlich einarmigen Kollegen in der TVSerie „Stromberg“.
Lustig gemacht wird sich da über einen sexistischen Vollidioten, der von einem behinderten Schauspieler verkörpert wird.
Genau. Aber immer wenn er als Person nicht anwesend ist, wird sich auch über den fehlenden Arm lustig gemacht.
Die Angst nicht behinderter Menschen, bei Behinderten womöglich Empfindungen zu verletzen, lähmt sie das gegenseitige Miteinander?
Wenn man Witze über Behinderte macht, dann fühlen sich Nichtbehinderte empfindlich berührt. Es gibt da eine Mitleidsgrenze.
Machen Sie sich auf der Bühne lustig über Behinderte?
Ich hatte mal eine Nummer über das Tourette-Syndrom, wenn Menschen unkontrolliert fluchen müssen und dabei Schimpf-worte benutzen. Nachdem sich ein Betroffener beschwert hatte, hab ich sie rausgenommen. Aber in meinem Programm taucht weiterhin ein behinderter Vogel auf, eine blinde und taube Taube.
Sie treten vor allem auf der Bühne auf und haben mal gesagt, TV-Comedy nicht zu mögen. Was stört sie daran?
Es geht mehr darum, was ich lieber mache. Das ist ganz klar die Bühne, die habe ich zwei Stunden lang für mich allein. Im Fernsehen habe ich nur fünf Minuten. Das Publikum wird dann noch – vollkommener Quatsch - vom Anheizer angehalten, zu klatschen. Wenn die nur lachen würden, wäre das viel besser. Weil man nur dann auf der Bühne seine Spannung halten kann.
Gehen Sie vielleicht auch deshalb nicht so gerne ins Fernsehen, weil das ein zutiefst oberflächliches Medium ist?
Es ist für Kreative deshalb sehr oberflächlich, weil einem dort Zeit fehlt. Man hat kaum einmal Gelegenheit, etwas länger als fünf Minuten zu machen.
Müssen wir uns mit dem Trash abfinden, der dort in vielen Bereichen täglich geboten wird?
Die Qualität sinkt insgesamt, das denken wir alle. Und man fragt sich, wer guckt sich so was an?
Vielleicht wir alle selbst. Womöglich gehört man selbst zu den Leuten, die stundenlang vor dem Bildschirm hocken.
Genau, weil dieser Trash ja immer wieder auch faszinierend ist. Man glaubt ja gar nicht, was einem da alles geboten wird.
Andererseits, und auf Ihre Branche bezogen: Ohne Fernsehen würde es die Heerscharen von Comedians, Komikern und Humoristen wahrscheinlich nicht geben.
Da bin ich mir nicht sicher. Es gibt ja sehr viele Liveklubs für Comedians, ganz ohne Fernsehen. Sicher haben wir eine Überflutung, es sind schon lange zu viele. Aber die Welle wird nicht abklingen.
Auf der Bühne sind Sie eher der Schwiegermutterschwarm. Sind Sie dankbar dafür, ohne Alleinstellungsmerkmale wie Minipli-Perücke oder übergrosse Nase auskommen zu können?
Alleinstellungsmerkmale sind immer gut. Bei mir sind es meine Gedichte, damit habe ich angefangen, das werde ich immer machen. Gedichte werde ich wohl immer schreiben.



