Persönlich und ungeschminkt01.05.10
Armut im Fokus der Kamera – Diakonisches Werk mit landesweitem Fotoprojekt
Harald Jacobsen, einer unserer Kieler Zeitungsverkäufer, steht wie fast jeden Tag an seinem Stammplatz vor dem „Statt- Café“ in der Innenstadt. Doch diesmal, an einem der ersten richtig warmen Tage im Jahr, hat er neben den Zeitungen auch eine Einwegkamera dabei. Mit der will er seine nächsten Tage dokumentieren, will Einblicke in seine ganz persönliche Welt festhalten und dem Betrachter zeigen, wie er arbeitet und lebt (siehe Seite 13). Einige der Fotos können später im Rahmen einer Ausstellung, die ständig erweitert wird, von einer breiteren Öffentlichkeit betrachtet werden. Die Kamera ist eine von 250, die das Diakonische Werk Schleswig- Holstein für das Projekt „Ungeschminkt – Armut und Ausgrenzung in Schleswig-Holstein“ an obdachlose Menschen ausgegeben hat und an solche, die mit Armut und sozialer Ausgrenzung zu kämpfen haben. Ziel ist, soziale Missstände möglichst facettenreich darzustellen und dabei betroffene Menschen selbst zur Sprache kommen zu lassen, so Nicola Paustian vom Diakonischen Werk, die das Projekt betreut. Vorgaben, was oder wen die Teilnehmer fotografieren sollen, gebe es jedoch nicht.Wer wolle, könne einfach auch nur den eigenen Alltag oder die Wohnumgebung im Bild festhalten. „Wir haben das Projekt bewusst sehr offen gehalten“, sagt Organisatorin Paustian. „Die Fotografen müssen sich dann selbst überlegen: Was will ich dem Betrachter sagen?“ Nicht nur HEMPELS-Verkäufer nehmen teil, verteilt werden die Kameras landesweit über Anlaufstellen für Wohnungslose. Fachleute gehen davon aus, dass es in Schleswig-Holstein insgesamt bis zu 4000 wohnungslose Menschen gibt, in der Regel Männer. Zumeist übernachten sie bei Freunden und Bekannten oder in einer der Notunterkünfte. Für unseren Verkäufer Harald Jacobsen war es eine große Freude, die Kamera ausgehändigt zu bekommen. „Ein schönes Projekt“ sei das, sagt der 62-Jährige, „ich habe so etwas noch nicht miterlebt“. Früher hat er gerne selbst fotografiert, mit seiner Lebensgefährtin schoss er, seit den Anfangstagen von HEMPELS einer unserer Kieler Verkäufer, vor allem Bilder von der Fördeschifffahrt oder machte Aufnahmen in Laboe. Seit seine Lebensgefährtin vor ein paar Jahren starb, hat er nicht mehr fotografiert. „Eine eigene Kamera besitze ich auch nicht mehr“, sagt Harald und betrachtet dabei stolz die Einwegkamera. Eine erste Auswahl entstandener Fotos ist bereits Ende vergangenen Monats bei der Eröffnungsveranstaltung des Diakonischen Werks zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung im Kieler Bodelschwingh- Haus gezeigt worden, einer Hilfeeinrichtung für Obdachlose. Dort wurden unter dem Motto „Öffne deine Hand – gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ nicht nur Vorträge gehalten, sondern es kamen auch die Betroffenen selbst zur Sprache – mit ihren ganz persönlichen Bildern. Die Ausstellung soll im Laufe des Jahres wachsen, wird an verschiedenen Orten in ganz Schleswig-Holstein gezeigt werden und in vervollständigter Form die Abschlussveranstaltung in Schleswig-Holstein zum europäischen Projektjahr begleiten. HEMPELS-Verkäufer Harald hat sich vorgenommen, vor allem seine Stammkunden zu fotografieren – „Menschen, die regelmäßig die Zeitung bei mir kaufen“. Die Arbeit als Verkäufer und die Menschen, mit denen er zu tun hat, sind ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, davon will er den Betrachtern der Fotos erzählen. Und so wie er werden 249 andere Frauen und Männer durch das Projekt mit Bildern zu Wort kommen und dabei ihre ganz eigene Perspektive zeigen können – persönlich und ungeschminkt.






