Schule zwischen den Mühlsteinen der Politik01.06.10

Von: Karin Lubowski
Foto: Günter Havlena, Jens Weber

Foto: Günter Havlena, Jens Weber

Für Eltern, Lehrer und Kinder stellt sich das deutsche Bildungssystem seit Jahrzehnten als ungesicherte Baustelle dar: Wer heil durchkommt, stammt entweder aus einer bildungsnahen Familie oder hat Glück; zufriedene Menschen sind laut einer Umfrage in der Minderheit. Ein Blick auf den schleswig-holsteinischen Schulalltag.

Die Lage in Schleswig-Holstein:

Ekkehard Klug hatte wieder eine Idee: Gerade ist das so genannte Turbo-Abi, das Abitur nach acht statt neun Gymnasialjahren, rumpelnd angelaufen, da will der Kieler FDP-Bildungsminister das „Langsam-Abitur“ wieder einführen und wenn’s sein muss, von den Schulen sogar erzwingen. Zugleich plant Klug mit Einführung frühzeitiger Binnendifferenzierung an den – ebenfalls gerade ans Netz gegangenen – Gemeinschaftsschulen die Aushebelung ihres Grundgedankens, alle Kinder möglichst lange gemeinsam zu unterrichten und so voneinander profitieren zu lassen. Die Proteste dagegen folgten auf dem Fuß. Klugs Vorschlag – nur eine Schnaps- Idee?

Die Umfrage:

Lernbedingungen verbessern Laut einer gerade veröffentlichten bundesweiten Allensbach-Umfrage wollen 61 Prozent der Deutschen eine einheitliche Schulpolitik, statt der von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Systeme. 71 Prozent treten in den westlichen Ländern für die Rückkehr zum G-9 ein. Keine großen Erwartungen setzen die Menschen in geplante oder bereits beschlossene Zusammenlegungen von Haupt- und Realschulen. Noch wichtiger als eine Strukturreform wäre für viele eine Verbesserung der konkreten Lernbedingungen an den Schulen: kleinere Klassen, weniger Unterrichtsausfall, individuelle Förderung. Reformen der teilweise hoffnungslos zergliederten Schulsysteme sind notwendig, dabei verloren gehen darf aber nicht eines der wichtigsten Güter junger Menschen – ausreichend Zeit, um heranwachsen zu können.

Die Schüler/innen:

Kindsein ist nicht mehr Gymnasium oder gar nichts: Katharina hat das so gewollt. Tatsächlich ist sie von einer hervorragenden Grundschülerin zu einer guten Gymnasiastin herangewachsen. Die ersten Wochen allerdings waren hart. Auf viele neue Lehrer und viele neue Fächer war sie vorbereitet. Auf die drastisch reduzierte Freizeit nicht. Zweimal die Woche hat sie Unterricht von 7.45 bis 15.40 Uhr. Das findet sie eigentlich ganz in Ordnung – wenn die Lehrer ihr ursprüngliches Versprechen einhalten würden, an solchen langen Tagen keine Hausaufgaben aufzugeben. Mitten in der Woche mit Freundinnen einen Nachmittag verspielen, das geht nur noch in Ausnahmefällen. Katharina ist elf Jahre alt und mit G-8 dazu verdonnert, ein Managerdasein zu führen: Was erledige ich wann so zeitsparend wie möglich? Verdonnert ist sie wie ihre Mitschüler auch zum weitgehend selbstständigen Konfliktmanagement: Wer Ärger macht oder Ärger hat, muss zum Konflikt-Coach. Wer zum Konflikt-Coach muss, verpasst entweder die Mittagspause oder Unterricht. Wer Unterricht verpasst, gerät ins Hintertreffen. Dass Katharina trotzdem Spaß am Lernen hat, dass Sie ihre Freundschaftsfähigkeit unter Beweis stellt, liegt einzig an ihrer seelischen Konstitution. Ihr Mitschüler Felix hatte da Pech. Nach neun Monaten „Orientierungsstufe“ wechselte er frustriert auf die Gemeinschaftsschule – eine Orientierung war für ihn in einer Gemengelage aus Stress, Verwirrung und Versagensangst indessen nicht möglich.

G-8-Schüler sind dazu verdonnert, ein Managerdasein zu führen

Pech hat auch Fritz. Der Realschüler – einer der letzten seiner Art, denn die Realschule ist im Land zugunsten von Regionalund Gemeinschaftsschulen abgeschafft – steckt mitten in der Pubertät und obendrein in einer schwierigen, leistungsscheuen Klasse. Die Pubertät ist aber da und bewirkt, was sie seit Generationen bewirkt: Desorientierung, Irritation, Ablenkung, Lustlosigkeit, Aufsässigkeit. Für Pubertät, sagt Fritz’ Klassenlehrerin, haben die Kids keine Zeit mehr; wer die Lernkurve nicht rechtzeitig kriegt, macht automatisch Hauptschulabschluss. Und die Erfahrung zeigt, dass Motivation zu höheren Zielen dann oft auf der Strecke geblieben ist. Über Lernmaterial, das schon zu Zeiten der Eltern alt war, redet angesichts des nächsten Klassenziels kaum noch einer. In einer verschuldeten Stadt wie Lübeck etwa gehören verwahrloste Sanitär-Einrichtungen wie selbstverständlich zur Schulzeit dazu.

Die Lehrer/innen:Verwalter des Mangels

Der Stoff muss rein in die Köpfe und den Stoff gibt das Ministerium vor. „Ob die Beamten und Politiker schon mal Kinder aus Fleisch und Blut von Nahem gesehen haben? Ich glaube nicht“, sagt Frau B. Sie unterrichtet Real- und Gemeinschaftsschüler in Englisch und Erdkunde und ihr Frust wächst mit jedem Jahr: „Schule wird zwischen den Steinen der Politik zermalmt“, sagt sie. „Da werden politische Glaubenskriege auf den Rücken der Kinder ausgetragen. Und dann ist das Gejammere groß, wenn das Bildungsniveau angeblich nicht stimmt.“

Chancengleichheit? Lehrer erleben täglich das Scheitern dieses Ziels

Wie die meisten ihrer Kollegen ist Frau B. längst nicht mehr nur mit Wissensvermittlung beschäftigt. Je häufiger Kinder und Jugendliche ohne regulierende Zuwendung von Erwachsenen aufwachsen, desto größer wird die Aufgabenfülle von Lehrern. Verwahrlosung und häusliche Gewalt ist ein Problem der Schulen, kann dort aber nicht gelöst werden, weil es viel zu wenige Fachkräfte gibt. Chancengleichheit für alle Kinder – Lehrer erleben täglich, wie dieses hehre Ziel der Bildungseinrichtungen scheitert. Wer zu Hause keine Unterstützung findet, nicht gefragt wird, ob die Hausaufgaben erledigt sind, der Ranzen gepackt ist, die Sportschuhe noch passen, hat auch in der Gemeinschaftsschule deutlich schlechtere Karten als Kinder, deren Eltern Informationen einfordern. Die meisten Lehrer wollen dies ausgleichen; den wenigsten gelingt es. Die Klassen sind zu groß, die Zahl der Kollegen zu klein. Und in vielen Klassen muss ohnehin tagtäglich erst einmal ein Klima geschaffen werden, in dem unterrichtet werden kann. Das bedeutet Arbeit unter erhöhter Adrenalinausschüttung. Stress also. Kein Wunder, dass so wenige Lehrer die reguläre Pensionsgrenze erreichen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass das Bildungsministerium von den Schulen über Jahre einen kreativen Umgang mit Ausfallzeiten gefordert hat. „Da waren wir gehalten, Stunden, die eigentlich als ‚ausgefallen‘ gemeldet gehört hätten, mit Bordmitteln zu stopfen und als ‚gegeben‘ zu deklarieren“, sagt ein Schulleiter. Bordmittel sind: Bei offenstehenden Türen in einer Klasse zu unterrichten und in der anderen den Lärmpegel zu kontrollieren; die Klasse still und allein Aufgaben lösen zu lassen; Kollegen/Referendare/Hilfskräfte in die Klasse zu schicken und irgendetwas oder auch gar nichts machen zu lassen; zwei Klassen in der Aula zusammenzufassen. „Ich habe trotzdem jede ausgefallene Stunde als solche gemeldet“, sagt der Schulleiter. „Inzwischen interessiert das aber auch niemanden mehr.“

Die Eltern, Hilfs-Pauker der Nation:

Jakobs Mutter hatte einen Traum: Wenn der Junge in die Schule kommt, dann wollte die Sozialpädagogin wieder arbeiten. Das war vor sieben Jahren. Heute ist Jakob in der sechsten Klasse und seine Mutter hat noch keine Woche erlebt, in der sie nicht als Organisatorin von Schulmaterial und Schulveranstaltungen, pädagogische Hilfskraft, Fahrdienst vom und zum Unterricht oder als Kummerkasten greifbar sein musste. „Klar ginge es auch ohne diese Nähe“, sagt sie, „aber ich habe einfach Angst, dass Jakob gegenüber den Kindern hauptberuflicher Hausfrauen ins Hintertreffen gerät.“ Zwar wird allerorts, auch in den Gymnasien, versichert, dass die Schule bewältigbare Aufgabe des Kindes ist, die Realität sieht anders aus. Karla ist schwach in Mathe. „Wir beginnen jetzt mit Algebra“, sagt ihre Lehrerin zum Vater. „Sie können mit ihr üben; im Buch finden Sie jede Menge Aufgaben.“ Niklas hat mal wieder seine Hausaufgaben nicht erledigt. „Lassen Sie sich doch einfach jeden Abend den Stundenplan und die entsprechenden Arbeitshefte zeigen“, rät seine Klassenlehrerin der Mutter. Die hat außer Niklas zwei weitere schulpflichtige Kinder.

Wo Schulpersonal fehlt, sehen sich Eltern in der Pflicht

Jessika hat einen Lernplan in Englisch bekommen: Regelmäßig sind zusätzliche Aufgaben zu lösen, damit aus der drohenden 5 wenigstens eine 4 wird. Der Vertrag ist richtig unterschrieben von Jessika, ihrem Lehrer und ihrer Mutter. Die Mutter ist zuständig für die Kontrolle der Vereinbarungen. Jessikas Mutter ist berufstätig und alleinerziehend. An Christophs Gymnasium fordert die Ganztagsschule ihren Personal-Tribut. Die Lehrkräfte sehen nur die Möglichkeit, entweder Arbeitsgemeinschaften oder flächendeckende Pausenaufsichten durchzuführen, sagt der Klassenlehrer und verlangt, Eltern als Beaufsichtiger mit ins Boot zu holen. Väter und Mütter sollen auch Arbeitsgemeinschaften anbieten. Neben dem zeitlichen Aufwand verstärkt sich der finanzielle immer mehr. Zu Heften, Mappen, Umschlägen, großen und kleinen Zeichenblöcken, Aquarellpapier, Bunt-, Filz- und Bleistiften, Tuschkästen, Tuschefedern, Scriptol, Geodreiecken, Lektüren, ergänzenden Arbeitsbüchern, den Beiträgen für Klassenfahrten, Wander- und Projekttagen kommen an den Ganztagsschulen das Mittagsessen (im Schnitt drei Euro pro Mahlzeit) und immer wieder auch kostenpflichtige Arbeitsgemeinschaften. So genanntes Papiergeld ist an Schulen längst ebenso üblich wie die – beitragsgebundene – Mitgliedschaft im Schulverein.