Soziale Skulptur gegen das Vergessen01.06.10

Von: Karin Lubowski
Foto: Karin Lubowski

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Gunter Demnig über seine an Opfer der Nazi-Barbarei erinnernden Stolpersteine Sein Werk kennt jeder: Gunter Demnigs „Stolpersteine“ mit der typischen zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafel erinnern auf Bürgersteigen an Opfer der Nazi-Barbarei. Demnig, Maler und Bildhauer, hat mit bisher mehr als 24.000 solcher Stolpersteine das größte dezentrale Mahnmal der Welt geschaffen. „Ein Mensch“, sagt Demnig, „ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Gerade hat er in Lübeck den 101. Stein gegen das Vergessen verlegt.

Gunter Demnig, mehr als 24.000 Stolpersteine gibt es inzwischen in Deutschland und vielen weiteren europäischen Ländern. Haben Sie die alle selbst verlegt? Nicht ganz, aber ungefähr 90 Prozent davon. Wenn es passt, lasse ich mir schon helfen. Besonders gut gepasst hat es beispielsweise in Bielefeld, wo eine Berufsschulklasse mit angehenden Pflasterern die Arbeit übernommen hat, oder in Bremen, wo sich eine Fachschule für Steinmetze engagiert hat. Seit mehr als zehn Jahren reisen Sie in Sachen Stolpersteine durch die Lande. Was treibt Sie an? Die Idee und die Menschen, denen ich bei meiner Arbeit begegne: Zeitzeugen, Nachkommen von Nazi-Opfern, Schülern, engagierten Helfern. Da ist eine soziale Skulptur entstanden, in der es auch immer darum geht, wie man mit der Bitte um Vergebung umgehen kann. Aber vor allem sind es die Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt. Die weiteste Anreise, die ich zu einer Stolperstein-Verlegung erlebt habe, war die einer Frau, die aus Neuseeland kam. Oder die alte Frau aus Kalifornien, die Auschwitz überlebt und sich eigentlich geschworen hatte, nie wieder deutschen Boden zu betreten. Ihre Enkelin überredete sie dann doch. Und sie war am Ende so glücklich, den Stolperstein für ihre Angehörigen zu sehen.Sind Sie persönlich von der Nazi-Barbarei betroffen? Nicht als Täter oder Opfer, nein. Aber doch dadurch, dass mein Geschichts-Unterricht in der Schule mit der Weimarer Republik endete. Mein Vater war Soldat - bei der Legion Condor, wie ich später herausgefunden habe. Gesprochen hat er nie darüber. Dieses Schweigen hat mich betroffen gemacht. Aus dieser Betroffenheit heraus haben Sie heute das größte dezentrale Mahnmal der Welt geschaffen. Hatten Sie so eine Dimension im Sinn? Nee, überhaupt nicht. Eigentlich waren die Stolpersteine rein konzeptionell und brav zwischen Aktendeckeln untergebracht. Ich habe nicht geglaubt – und auch nicht ernsthaft geplant –, das jemals zu machen. Es war ein evangelischer Pfarrer in Köln, der mich auf den Weg brachte. „Die Millionen Steine wirst du sicher nicht schaffen“, hat er gesagt, „aber fang doch einfach mal an.“ Sie sind Maler und Bildhauer. Ihre Stolpersteine sind ohne Zweifel eine bedeutende Auseinandersetzung mit der Geschichte. Aber sind sie auch Kunst? Natürlich sind die Stolpersteine keine Bilder oder figürlichen Skulpturen, die ja als Kunst ziemlich klar zu identifizieren sind. Aber hier ist eine andere Art von Kunst entstanden, eine soziale Skulptur eben. Und auch jeder einzelne Stein ist ein kleines Kunstwerk. Nicht nur, weil jede Messingplatte darauf von Hand hergestellt ist. Kunst wird er mit dem recherchierten Schicksal, das sich hinter dem Stein verbirgt, und von dem etwas auf dem Stein verewigt ist. Außerdem sind alle drei Personen, die sich mit der Stolperstein-Produktion beschäftigen – außer mir der Bildhauer Michael Friedländer und die Autorin Uta Franke –, per Definition Künstler. Übrigens: Das Kölner Finanzamt bezweifelt, dass es sich bei unserem Werk um Kunst handelt. Die wollen ein Gewerbe besteuern ... Die Stolpersteine kennt inzwischen jeder, den Namen Demnig deutlich weniger. Stört Sie das? Solange das Projekt dadurch nicht zu Schaden kommt, ist mir das nicht so wichtig. Sind die Steine Ihre Lebensaufgabe? Das sieht so aus, ja. Ich habe schon wieder zwei dicke Ordner mit Namen von Nazi-Opfern, an die mit einem Stolperstein erinnert werden soll. Das reißt nicht ab. Haben Sie denn noch Zeit für andere Werke? Wenig, aber etwas doch. Im Augenblick arbeite ich am Grabdenkmal für die Künstler-Nekropole in Kassel am Blauen See. Die Stolpersteine sind inzwischen in 546 deutschen Kommunen zu finden, aber auch in sieben weiteren europäischen Ländern ...Ja, es wird immer mehr, auch die Unterstützung nimmt zu. Aus Yad Vashem habe ich ein Telegramm bekommen: „What a wonderful projekt.“ Gibt es in Deutschland noch „blinde“ Flecken auf der Stolperstein- Karte? Eigentlich nicht. Nicht mehr. In München arbeiten wir noch mit Trick 17, da verlegen wir die Steine auf privatem Grund, der aber vom kommunalen Straßenland aus gut einzusehen ist. Die Widerstände werden immer geringer. Am Anfang allerdings hatte ich in Köln so viel Ärger, dass ich das Projekt schon wieder beiseite legen wollte. Und die ersten Steine haben wir 1997 in Berlin noch illegal verlegt. Inzwischen sind Sie für Ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden – unter anderem mit dem „Obermayer German Jewish History Award“, dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland, dem Preis „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ ... ... und mit dem Erich-Mühsam-Preis der Erich-Mühsam- Gesellschaft in Lübeck. Natürlich bedeutet mir jede der Auszeichnung etwas. Der Mühsam-Preis allerdings hat mich ganz besonders berührt. Der Gedenkstein für Erich Mühsam vor dem Buddenbrookhaus war übrigens der erste in Schleswig- Holstein. Wenn Sie einen Stein verlegen, gibt es immer eine kleine Gedenkfeier, manchmal mit Nachfahren oder Zeitzeugen, dann wird etwas über den Toten verlesen. Sie selbst arbeiten dann, aber die Betroffenheit ist Ihnen auch nach all den Jahren anzusehen. Ja. Das hört nicht auf.