„Wer an Suizid denkt, sucht eigentlich Kontakt“01.05.10
Notfallseelsorger Ralf Diez: Warum im Mai die meisten Suizide passieren
In Deutschland nehmen sich jedes Jahr doppelt so viele Menschen das Leben, wie durch Unfälle im Straßenverkehr sterben. 2007 waren es 9400 (7000 Männer und 2400 Frauen), davon in Schleswig-Holstein 348 (250 Männer, 98 Frauen), Dunkelziffer jeweils unbekannt. Die Suizidrate (bezogen auf 100.000 Einwohner) lag dabei in Schleswig-Holstein mit 12,3 über der im Bund mit 11,4. Verglichen mit anderen Monaten geschehen die meisten Suizide im Mai. Ein Interview mit dem Pastoralpsychologen Ralf Diez. Der 58-Jährige ist Leitender Notfallseelsorger im Kreis Plön. Auf den ersten Blick überrascht, dass ausgerechnet im Wonnemonat Mai die meisten Suizide verübt werden. Wie ist das zu erklären? Man könnte tatsächlich denken, dass suizidales Verhalten vor allem mit der dunklen Jahreszeit verbunden ist. Aber im Frühjahr wird Menschen mit depressiven Verstimmungen bewusst, dass es anderen scheinbar besser geht als ihnen selbst. Es heißt, wer einen Suizid begeht oder den Versuch unternimmt, will gar nicht sterben. Er oder sie kann bloß nicht mehr so weiterleben wie bisher. Wir erleben das häufig als ambivalentes Verhalten. Wer einen Suizid androht, möchte eigentlich nur Kontakt halten zu anderen. Zugleich ist eine solche Handlung aber auch Ausdruck tiefer Hilflosigkeit. Deshalb ist es für die Umwelt wichtig, jeden Hinweis auf Depression oder Suizidalität sehr ernst zu nehmen. Wie kann man bemerken, ob jemand gefährdet ist? Wenn sich ein Mensch wie in einer Spirale nur noch um sich selbst und um seine Probleme dreht, dann ist das ein deutliches Zeichen. Auch wenn Kontakte einfach wegbrechen. Daneben gibt es aber auch suizidales Handeln mitten aus dem Leben heraus – ganz plötzlich und für Außenstehende nur schwer vorhersehbar. Das kann beispielsweise vor allem auf ältere Menschen nach einem runden Geburtstag zutreffen. Warum unternehmen Ältere öfter einen Suizidversuch? Verarmung ist eine Ursache. Und das Grundgefühl dieser Generation, den Kindern nicht auf der Tasche liegen zu wollen durch Pflegekosten oder andere notwendige Betreuungsausgaben. Auch deshalb brauchen wir verbesserte Pflegeeinrichtungen und alternative Lebensformen für das Alter, zum Beispiel generationsübergreifendes Wohnen. In der Regel bleiben Angehörige oder Freunde nach einem Suizid mit Schuldgefühlen zurück – wir haben nicht helfen können ... ... deshalb ist es wichtig, professionelle Hilfe zu suchen. Ziel muss in unserer Gesellschaft sowieso sein, die Kombination von Depression und suizidalem Verhalten zu enttabuisieren. Depressive Verstimmungen können jeden betreffen. Noch sind Hilfemöglichkeiten zu wenig bekannt. Jeder kann sich über seinen Hausarzt an einen Facharzt wenden. Wir müssen auch lernen, noch offener über die Krankheit Depression sprechen zu können. Und wir brauchen mehr Freundschaften und Nachbarschaften, um der Vereinzelung entgegenwirken zu können. Als Notfallseelsorger ist Ihre Hilfe vor allem nach Suiziden im öffentlichen Raum gefragt. Was bedeutet es, wenn sich jemand im Straßenverkehr oder auf Bahngleisen das Leben nimmt? Dann potenzieren sich Probleme, weil viele Menschen das Geschehen verarbeiten müssen – die Feuerwehr, Ärzte, der Bestatter, ein Lokführer. Täglich geschehen auf deutschen Bahngleisen im Schnitt drei Suizide. Statistisch ist ein Lokführer in seinem Berufsleben zwei bis drei Mal betroffen. Jeder Suizid im Schienenverkehr schädigt auch das Leben eines Lokführers. Etliche sind anschließend bis hin zur Arbeitsunfähigkeit traumatisiert.


