HEMPELS 190 / Februar 2012
Erst wieder Wohnen lernen nach dem langen Leben auf der Straße
Die Nacht, in der sich sein Leben zu verändern beginnt, zunächst nur ganz langsam, muss eigentlich eine gute gewesen sein für Menschen wie Willi Wallner. „Kein Regen, für die Jahreszeit ungewöhnlich warme Temperaturen“, notierten Wetterbeobachter jedenfalls an diesem 1. Oktober 2009. Und Wallner, damals 58 und seit 36 Jahren an das tägliche Schlaflager unter freiem Himmel gewöhnt, seit er als junger Mann seine schwäbische Heimat verlassen hatte, bekommt jetzt eine Nacht lang doch kein Auge zu. „Ich habe die ganze Zeit wach gelegen und überlegt, ob ich wieder aufstehe“, erinnert er sich an diese Stunden. Da war plötzlich kein Stern mehr zu sehen, wenn er nach oben blickte, keine Wolke über ihm, „nur die Zimmerdecke habe ich gesehen.“Willi Wallner, gelernter Binnenschiffer, seit 1973 seinem Freiheitsdrang folgend die meiste Zeit auf Reisen und von Gelegenheitsjobs lebend, dabei über die Jahre im behördlichen Klassifizierungsdeutsch längst als „OfW“, als Person „Ohne festen Wohnsitz“ numerischer Bestandteil bundesdeutscher Obdachlosenstatistiken - „das Wort Obdachloser hasse ich übrigens wie die Pest, ich verstehe mich als Draußenschläfer“ -, Willi Wallner also will an diesem 1. Oktober 2009 den Versuch starten, langsam eine feste Struktur in sein Leben zu bringen.
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Leben mit Hochsensibilität
Die meisten Betroffenen spüren es schon ein Leben lang: Irgendetwas in ihrem Alltag ist anders. Sie gehen oft früh ins Bett, leiden schnell unter Reizüber-flutungen, sind nicht so leistungsfähig wie andere, haben das Bedürfnis nach vielen Ruhepausen und Rückzugsmöglichkeiten. Manchmal zerbrechen Beziehungen oder Arbeitsverhältnisse daran. Doch die wenigsten Menschen wissen von den Ursachen dafür.
„Hochsensibilität ist ein Wesenszug, ein vererbbares Merkmal. So wie die Veranlagung für helle Haut oder dunkle Haarfarbe“, sagt Ulrike Hensel, die Coachings für Hochsensible anbietet. „Das Nervensystem ist bei diesen Menschen leichter erregbar. Reize werden intensiver, detaillierter und in einem größeren Spektrum wahrgenommen und verarbeitet“, so die Expertin, die selbst hochsensibel ist und gerade an einem Buch zum Thema schreibt.
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Letzte Rettung
Immer mehr Menschen aus der Mittelschicht lassen in Pfandhäusern Wertgegenstände beleihen – ein Zeichen für wachsende Armut
Hinter der Schaufensterscheibe liegt Schmuck aus, die Fassade ist ordentlich und gepflegt. Dass sich hier in der Kieler Innenstadt ein Pfandhaus verbirgt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Der Eindruck ist gewollt: Denn während im Bewusstsein vieler Menschen Pfandhäuser immer noch für zwielichtige Geschäfte im Rotlichtmilieu stehen, sieht die Realität inzwischen oft anders aus. Pfandhäuser mit ihren Angeboten kurzfristiger Geldbeschaffung sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen - ein weiteres Zeichen dafür, dass zunehmend breitere Kreise mit Armut konfrontiert sind.
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Schöne Momente
HEMPELS-Verkäuferin Anja Brahms, 42, aus Kiel über ihr Leben und ihre Arbeit
Wenn ich heute darüber nachdenke, welchen Verlauf mein Leben zuletzt genommen hat, dann kann ich sagen, dass ich mittlerweile sehr zufrieden bin. Ich fühle mich nämlich gut, lebe seit mehr als zwei Jahren in einer eigenen Wohnung und bin sehr glücklich über meine Arbeit als HEMPELS-Verkäuferin. Der Verkaufsarbeit gehe ich bereits seit 2002 am Alten Markt in Kiel nach. Ursprünglich stamme ich aus Leer (Ostfriesland), wo ich mit meiner Mutter und meinen drei älteren Schwestern gelebt habe. Meinen Vater habe ich leider nie kennen gelernt. Der war Binnenschiffer und ertrank sieben Tage vor Heiligabend bei einem Arbeitsunfall im Emder Hafen, als meine Mutter mit mir schwanger war.
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