Veröffentlichung Ausgabe 186

Text 1


Meine erste Ausführung


Achterbahn der Gefühle eines zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten


Im Juli 2005 erhielt ich nach viereinhalb Jahren Haft anlässlich des Todes meiner Mutter meine erste Ausführung, und zwar hin zu ihrem Grab. Dieses bedeutete für mich ein Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite musste ich den plötzlichen und unerwarteten Tod meiner Mutter verkraften, auf der anderen Seite durfte ich das erste Mal nach so langer Zeit die Justizvollzugsanstalt verlassen, was für mich auch nicht gerade einfach weil ungewohnt war. Meine Gefühle fuhren Achterbahn.

 

Ich war traurig über den Tod meiner Mutter, zu der ich ein sehr gutes Verhältnis hatte. Ich war wütend auf mich selbst, weil ich mich zu einer Tat hatte hinreißen lassen, wegen der ich jetzt im Knast sitze. Selbstverständlich belastete meine Tat auch meine Mutter und hatte zu ihrem frühen Herzinfarkt beigetragen. Und ich war verzweifelt, weil ich meiner Schwester und meinem Vater nach dem Tod meiner Mutter nun draußen nicht helfen konnte, wie ich es mir eigentlich wünschte. Ich hatte Angst, wie beide dieses Ereignis verkraften würden. Dazu kam meine eigene Angst vor draußen: Ich hatte keine Ahnung, was mich in diesen Stunden dort erwartete. Und ich war verunsichert, weil ich bis dahin noch keine Ausführung hatte und nicht wusste, wie so etwas abläuft.

Auf der anderen Seite stand aber auch die Freude, nun meine erste Ausführung zu bekommen. Denn sie bedeutete ja einen ersten kleinen Schritt in Richtung Freiheit. Wenn diese Ausführung gutlief, würden weitere folgen, später dann alleinige Ausgänge und Urlaub, schließlich irgendwann meine Entlassung. Doch für diese Gedanken schämte ich mich sogleich, denn ich dachte, es sei ein Verrat an meiner Mutter, wenn ich meine Ausführung innerlich mit ihrem Tod verbinde. Ich dachte deshalb, ich dürfe mich über meine Ausführung nicht freuen.

 

In dieser Zeit fühlte ich mich hilflos und ohnmächtig. Ich hatte niemanden, mit dem ich über meine Gedanken reden konnte. Ich musste das alles mit mir allein ausmachen.

 

Am Tag meiner Ausführung wurde ich dann mit der „Hamburger Laufkette“ (1) gefesselt, und es ging los. Zuerst fuhren wir zu meiner Schwester, wo wir frühstückten und Kaffee tranken. Dann gingen wir zu Fuß durch unser Dorf zum Friedhof. Auf dem Weg dorthin begegneten wir einigen Bekannten, die mich alle freundlich grüßten. Auf dem Friedhof selbst traf ich dann eine Nachbarin meiner Eltern. Sie kennt mich von klein auf, sie ist die Mutter eines Bekannten, mit dem ich zusammen aufwuchs. Sie freute sich sichtlich, mich zu sehen, lief auf mich zu, umarmte mich und fragte, ob ich nun wieder draußen sei. Dann sagte sie noch, dass sie froh sei, dass ich endlich wieder "da" wäre.

 

Im ersten Moment war ich irritiert, zumal ich auch nicht wusste, wie die mich in einigem Abstand begleitenden Beamten in Zivil darauf reagieren. Aber dann freute ich mich sehr über eine solche positive Reaktion. Denn obwohl die Frau genau wusste, dass ich meine Lebensgefährtin getötet habe, hatte sie keine Sekunde gezögert, mich in den Arm zu nehmen, noch war sie in irgendeiner für mich erkennbaren Weise verunsichert, mich zu sehen. Ich erklärte ihr die Situation, auch dass ich von etwas weiter entfernt wartenden Beamten begleitet wurde, und unterhielt mich noch kurz mit ihr. Zum Abschied umarmte sie mich nochmals, wünschte mir alles Gute und dass ich die Zeit im Knast gut überstehen möge.

 

Mit der Rückkehr in die JVA war zwar die Ausführung technisch gesehen beendet. Aber für mich standen noch die Verarbeitung der Eindrücke und vor allem auch die Aufarbeitung meiner Gefühle an. Das nahm lange Zeit in Anspruch und beschäftigt mich hin und wieder noch bis heute, mehr als sechs Jahre danach.

 

Ich lernte, dass meine Angst vor der Ausführung völlig unbegründet war. Denn ich weiß jetzt, dass ich meine Mutter nicht verraten habe und ich mich für meine Freude über die Ausführung nach ihrem Tod nicht hätte schämen brauchen.

 

Das Erlebnis der Ausführung war für mich in mehrfacher Hinsicht positiv. Sie gab mir Selbstsicherheit und stärkte mein Selbstvertrauen. Und sie nahm mir die Angst vor der Zukunft. Weil ich darüber doch erfahren habe, dass es noch Menschen außerhalb meiner Familie gibt, die mich nicht nur als Mörder sehen, sondern weiterhin auch den Menschen in mir. Auch wurde mir dadurch bewusst, dass ich nach meiner Entlassung wieder in mein Elternhaus zurückkehren kann und bei uns im Dorf auch willkommen sein werde.

 

Gleichzeitig brachte mir diese Ausführung aber auch die Erkenntnis, dass das Leben draußen auch ohne mich weitergeht, dass die Welt sich weiterdreht und dass mir nichts geschenkt werden wird. Ich werde selber sehen müssen, dass ich klarkomme, wenn mein Leben noch einen Sinn haben soll. Und einen Sinn hat es auf jeden Fall.

 

Text: Günter (Name verändert), 41, seit Anfang 2001 in Haft. Wegen Mord an seiner Lebensgefährtin zu Lebenslänglich verurteilt.


Veröffentlichung 2 Ausgabe 186

Text 2

Emotionen im Knast – Nein, Danke?!

Gedanken eines schwulen Gefangenen zum Umgang mit Gefühlen hinter Gittern

 

Emotionen sind für mich elementar. Mich und meine Gefühle ausdrücken, mich selbst wahrnehmen – aber auch mein Gegenüber erleben und wahrnehmen. So wie wir sind. Authentisch sein im Alltag. Mit allen Höhen und Tiefen, die es zu erleben gibt. Das war bisher mein Leben. So bin ich aufgewachsen, so habe ich es als Erzieher über zehn Jahre mit Kindern und Jugendlichen erlebt.

 

Seit insgesamt gut zwei Jahren bin ich in Haft, seit einem Jahr nun in der JVA Lübeck – und erlebe in diesen Jahren genau das Gegenteil. Für mich eine schwer zu ertragende Umstellung in meinem Leben. Ehrliche Gefühle werden ausgeschaltet. Sie weichen im täglichen „Kampf“ um Anerkennung bei den Mitgefangenen, bei der täglichen Demonstration männlicher „Härte“ und übertriebenem Machogehabe.

 

„Ich habe heute zehn Mal 80 Kilo gestemmt!“ – „Pah, bei mir waren es fünfzehn Mal 90 Kilo!! Und sieh dir mal meine Muskeln an. Die sind viel größer als deine.“ Solche und ähnliche Sätze höre ich in meinem Hafthaus täglich. Und so gehen viele Gefangene breitschultrig und breitbeinig umher – um zu zeigen, was sie haben und um dadurch andere einzuschüchtern. Es ist ein Strudel von aufgeplusterten Muskeln und eingeschüchterten Mitgefangenen. Von Macht und Ohnmacht. Von Oberflächlichkeit. In diesem Gefüge haben Gefühle keinen Platz. In den Augen der Anderen herrscht hier der kraftmäßig Stärkere. Doch ist Härte wirklich ein erstrebenswerter Wert?

Vor dem Knast war es in meinem Alltag absolut normal, meinen Mitmenschen zur Begrüßung die Hand zu geben. Es gehörte zu den Selbstverständlichkeiten, sich gegenseitig Respekt zu zollen, sich anzuerkennen, sich auch mal herzlich den Rücken zu streicheln, zu zeigen, dass man jemanden mag. Auch war es für mich normal, miteinander zu lachen und zu weinen. Wärme und Herzlichkeit zu geben und zu empfangen, das war immer eine Symbiose der Gefühle.

 

Im Knast wird jede Bewegung von den Mitgefangenen genau wahrgenommen und (miss-)interpretiert. Besonders, da ich schwul bin. Immer wieder kommt es zu herablassenden, verletzenden Kommentaren und Bemerkungen, werden Grenzen überschritten und Gerüchte gestreut, die sehr respektlos sind. Rücksichtslos wird agiert, ohne die Folgen für mich abschätzen zu können oder mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Mit all meinen Stärken. Und vor allem mit meinen „Schwächen“ (den Schwächen jedenfalls in den Augen der anderen).

 

So bin ich sehr froh und dankbar, dass ich einen Mitgefangenen an meiner Seite habe, der ebenso wie ich das erste Mal im Knast ist, zu dem ich ein ebenso vertrauensvolles wie offenes Verhältnis habe. Wir können frei miteinander sprechen und wissen, dass es bei uns bleibt. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand und streicheln uns gegenseitig auch mal den Rücken, ohne dass es der andere missversteht. Wir lachen viel gemeinsam und haben Raum für Tränen. Nein, wir schämen uns derer nicht. Im Gegenteil. Wir haben uns in der Menge der Gefangenen gefunden.

 

Ich bin dankbar, solch einen Mitgefangenen zu haben und an meiner Seite zu wissen. In unseren Gesprächen kann ich Ich sein – ein Mitmensch. So wie ich bin. Mit all meinen Stärken – aber auch mit meinen Schwächen. Die ich gerne habe und auf die ich stolz bin. Nur so kann ich authentisch sein, ohne mich verbiegen zu müssen.

 

Ja, die Knastwelt ist eine eigene Parallelwelt zur Gesellschaft draußen. Aber sie bleibt trotz hoher Mauern und Natodraht ein Teil der Gesamtgesellschaft. Nein, ich möchte mich auch in dieser Parallelwelt nicht verstellen müssen. Ich möchte Wärme, Herzlichkeit, Ehrlichkeit nicht missen – ich möchte meine Emotionen leben und die anderer Menschen erleben können.

 

Ich wünsche meinen Mitgefangenen, dass sie eine Entdeckungsreise zu sich selbst machen können, um sich und ihre Gefühle (wieder) zu entdecken. Werden sie das auch können? Werden sie sich irgendwann positiv verändern und Gefühle zulassen und zeigen können? Emotionen sind wunderbar – man muss sich nur trauen und sich auf den Weg zu ihnen machen. Zu spät ist es dafür nie.

 

Text: Rainer (Name verändert), 37, seit Mai 2009 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.