Veröffentlichung Ausgabe 198

Text 1

Meine ersten Erfahrungen im Knast

Über das Zusammenleben unterschiedlicher Charaktere

Ich bin 42 Jahre alt und zum ersten Mal im Knast. Im Untersuchungsgefängnis kam ich in eine circa zwölf Quadratmeter große Zelle für zwei Personen. Dort saß schon ein junger Mann auf dem Bett und schaute starr aus dem Fenster. Ich begrüßte ihn, bekam aber keine Antwort. Also ging ich zu ihm hin und stellte mich vor. Er antwortete: „No Deutsch“, ich fragte: „Englisch?“, und er sagte, „ja, ein bisschen.“ Ich dachte mir, die Zelle mit ihm zu teilen ist okay und viel besser, als in einer Einzelzelle zu sein.

Am ersten Tag versuchte ich, meinen Mitbewohner zum Sprechen zu bringen, aber ohne Ergebnis. Er war sehr leise und ruhig und starrte den ganzen Tag einen bestimmten Punkt an. Auch der zweite und der dritte Tag vergingen so. Mein Mitbewohner sprach sehr wenig, seine Antworten bestanden meist aus Ja oder Nein. Nach einer Woche hatte ich lediglich ein paar Sätze von ihm gehört. Nämlich dass er Thien heißt (Vorname verändert), aus Vietnam stammt, in Norwegen studiert und in Deutschland wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Seit einem Monat ist er in U-Haft, seine gesamte Familie lebt in Vietnam. Für mich war klar, dass Thien viel Angst hatte, aber ich würde ihm kaum helfen können, weil meine Situation auch schlecht war.

So lebten wir einen Monat lang in einer gemeinsamen Zelle. Eines Tages hatte ich die Nase voll davon, dass Thien auf meine Fragen und Gesprächsangebote nicht einging. Ich schrie ihn an und fragte, warum er nicht mit mir spricht. „Du musst zumindest was sagen, sonst werde ich auch traurig. Ich will in eine andere Zelle wechseln.“ Er antwortete: „Nein, bitte bleib hier! Du bist ein guter Mensch.“ Ich überlegte, was ich sagen sollte. Mit Thien hätte ich nur Englisch sprechen können, aber er tat es ja nicht. Für mich hingegen wäre es besser, mich auf Deutsch zu unterhalten. Also entschied ich mich und bat um eine neue Zelle. Als Grund nannte ich, dass Thien nicht redet und ich mich daran nicht gewöhnen kann. Ich habe mich trotzdem von ihm verabschiedet. Denn ich war besorgt um ihn und immer bereit zu helfen.

In der neuen Zelle kam ich mit einem Jungen aus Italien zusammen, der in Deutschland groß geworden ist. Der junge Mann hieß Bernardo (Vorname verändert), er hatte ziemlich viele elektronische Geräte in der Zelle wie Fernseher, Playstation oder DVD-Player. In der Zelle gab es ein doppelstöckiges Bett, das oben war meines. Am ersten Tag legte ich mich nach dem Mittagessen aufs Bett und wollte ausruhen. Aber die Musik von Bernardo war sehr laut. Ich bat ihn, sie ein bisschen leiser zu machen. Seine Antwort war: „Das ist meine Lieblingsmusik, aber trotzdem stelle ich sie leiser.“ Am zweiten Tag wurde ich morgens von Zigarettenrauch und Musik aufgeweckt. Die ganze Zelle war trüb vom Rauch, und natürlich zog der nach oben und machte es mir schwer zu atmen. Nach einem „Guten Morgen“ fragte ich meinen Mitbewohner, ob er das Fenster aufmachen könne. Bernardo antwortete: „Draußen ist es kalt, nur wegen Rauchen kann ich nicht das Fenster aufmachen.“ Ich sagte: „Okay, aber mach bitte die Musik leiser. Wir müssen hier aufeinander Rücksicht nehmen.“ Ich hörte von ihm aber nur: „Ohne Musik und Rauchen kann ich nicht leben. Wenn das für dich schwierig ist, dann kannst du ja die Zelle wechseln.“ Ich sagte zu mir selber: „Na ja, ein neues Problem. Aber wieder die Zelle zu wechseln, wird nicht ganz einfach sein.“

Das bedeutet: Man muss irgendwie versuchen, sich gegenseitig zu respektieren. Mir war schon klar geworden, dass die Situation im Knast so ist wie sie ist. Und dass ich die Sachen annehmen muss. Einige Dinge waren aber denkwürdig für mich. Thien und Bernardo sind unterschiedliche Charaktere.

Der eine ist traurig und sehr ruhig, der andere sehr laut und aktiv. Inzwischen fragte ich mich, welchen Charakter ich selbst eigentlich habe. Bin ich traurig wie Thien? Oder laut wie Bernardo? Ich würde mich als einen ruhigen Menschen bezeichnen, ohne jedoch traurig zu sein, und als eine aktive Person, die jedoch nicht laut ist. So verging ein Tag nach dem anderen, ohne dass ich die Situation verändern konnte. Je mehr Tage vergingen, umso ruhiger wurde ich schließlich bis hin zu schweigsam. Ich lag die ganzen Tage auf dem Bett und starrte bloß noch irgendeinen Punkt an. Ich hatte Bernardo nichts mehr zu sagen.

Endlich kam dann eines Tages ein Mann zu mir, der sich als Psychologe vorstellte und mich fragte, ob ich Hilfe brauche. Bereits eine halbe Stunde später kam ein Beamter zu mir und sagte: „Packen Sie bitte ihre Sachen, Sie haben jetzt eine Einzelzelle.“ Auf meine Frage nach dem Warum antwortete er, die bisherige Zelle sei zu laut und nicht für mich geeignet. Aber ich war mir sicher, der tatsächliche

Grund dafür waren meine Traurigkeit und meine Depression. Etliche Tage später bat ich einen Beamten, Thien in seiner Zelle besuchen zu dürfen, meinen schweigsamen Mitbewohner aus den Anfangswochen. Ich hatte ihn bei den Freistunden schon länger nicht mehr gesehen. Bei meinem Besuch erzählte Thien endlich, dass er viel Angst hat und traurig ist. Dass er fürchtet, seinen Platz an der Universität in Norwegen zu verlieren. Ich bat ihn deshalb, die nächsten Freistunden beim Hofgang mit mir zu verbringen, ich wollte ihm mit positiven Worten etwas Hoffnung geben.

Ein paar Wochen später hatte Thien schließlich seinen Verhandlungstermin. Noch am selben Tag klopfte jemand gegen meine Zellentür und rief auf Englisch: „I am, I`m Thien, I became free and now go to Norvey. Thank you very much for every think. I forget you never, my brother! Bye!“ Thien war zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und durfte zurück an seine Uni in Norwegen. Und ich konnte mir nun endgültig sehr gut vorstellen, wie seine Gedanken und Gefühle in den Wochen und Monaten zuvor waren.

Text: SHARAM (Vorname verändert), 42, Iraner, ist seit Oktober 2011 in Haft. Wegen gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

 

 

Veröffentlichung 2 Ausgabe 198

Text 2

Eine Brücke über Mauern hinweg bauen

Warum ich trotz anfänglicher Ablehnung an der Schreibwerkstatt teilnehme

Es sind die immer gleichen, wiederkehrenden Fragen – ob nun von Mitgefangenen oder von einigen Beamten –, wenn ich mich alle 14 Tage auf den Weg zur Schreibwerkstatt begebe: Was macht ihr denn da? Welchen Vorteil hast du davon? Oder: Ist das nicht nur eine Lästergruppe? Ich muss an dieser Stelle zum besseren Verständnis anmerken, dass einige Gefangene glauben, jede Gesprächsgruppe – ganz gleich ob Anonyme Alkoholiker, Resohilfe oder Englisch – werde dazu genutzt, um über Mitgefangene oder Beamte herzuziehen oder zu lästern. Mittlerweile habe ich mich an derartige Fragen gewöhnt und kann den Gedanken und Vorstellungen der Fragenden nicht einmal auch nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Vielmehr zeigen solche Fragen einmal mehr, dass manche Menschen – ob innerhalb oder außerhalb dieser Mauern – zu übereilt eine falsche und zumeist negative Meinung einnehmen.

Ich möchte mich keinesfalls prinzipiell davon ausnehmen, denn was die Schreibwerkstatt betrifft, hatte auch ich anfangs ein völlig falsches Bild von ihr. Als ich zu Beginn einen Aushang las, mit dem Teilnehmer gesucht wurden, vermutete ich hinter der Schreibwerkstatt eine Lerngruppe für Personen mit einer allgemeinen Rechtschreibschwäche. Dieses sprach mich nicht sonderlich an. Es sollten noch einige Monate vergehen, bevor ich durch Zufall erstmals mit jemandem zu sprechen begann, der bereits Teilnehmer der Schreibwerkstatt war. Letztendlich weckte dieses Gespräch mein Interesse und verdeutlichte mir, wie falsch ich mit meiner vorherigen Vermutung lag. Ich entschied mich, die Schreibwerkstatt zu besuchen. Im Nachhinein betrachtet ist diese Zeit gut investiert. Obgleich ich zum Teil auch jetzt noch zurückhaltend eingestellt bin bezüglich dieser Gruppe. Aber dazu später mehr.

Zunächst: Nach nun einigen Monaten der Teilnahme kann ich inzwischen viele Antworten geben auf die Frage: „Was macht ihr denn da?“ Damit man die Antworten besser versteht, will ich erstmal erklären, was wir nicht machen. Wir schreiben nicht! Zumindest nicht während unserer gemeinsamen Treffen. Denn in Wirklichkeit besteht die Arbeit in der Schreibwerkstatt darin, Texte kritisch zu hinterfragen, die man zwischen den Treffen in seinem Haftraum zu Papier gebracht hat. Dabei geht es um den Inhalt, um die Rhetorik und darum, ob ein Text das an den Leser vermittelt, worauf es dem Schreiber ankommt. Letztendlich sitzen wir bei unseren Treffen gemeinsam beim Kaffee und kritisieren oder befürworten unsere Texte, ohne dass wir dabei über den anderen richten oder dessen Gedanken verurteilen.

Jetzt zu der Frage: „Was hast du denn davon?“ Nun, wenn man im normalen Leben einen Wortschatz von circa 5000 Wörtern benutzt, reduziert sich der im Knast auf vielleicht rund 1000 Wörter. Schon allein der Begriff „Wortschatz“ – wann kommt der in den alltäglichen Gesprächen im Knast schon mal vor? Gefangene sprechen immer nur über die immer gleichen Themen. Ein Pfund Kaffee heißt „Bombe“, ein Päckchen Tabak „Koffer“. Ständig werden Sätze abgekürzt oder Begriffe wie „Digger“ oder „Ich schwör, Alter“ wiederholt. Zu den wenigen normalen Redewendungen gehören „Guten Morgen“, „Gute Nacht“ oder „Schönen Feierabend“. Wenn man dann die Möglichkeit hat, einige hundert oder ein paar tausend Wörter mehr zu benutzen, dann ist es für mich auf jeden Fall wert, sie wahrzunehmen. Denn in der Schreibgruppe benutzen wir andere Wörter als im normalen Knastalltag. Abgesehen davon ist es in der Gruppe auch sehr lustig und macht es mir viel Spaß, mich mit den Texten anderer zu beschäftigen. Auch wenn ich durch die Teilnahme überhaupt keinen Vorteil in Bezug auf meinen Vollzug habe, so habe ich dennoch eine Menge Spaß und lerne dabei auch.

Aber ist das trotzdem nicht auch wieder nur eine Lästergruppe? Nein. Erstens ist es geradezu überheblich zu glauben, dass einzelne Personen einen solchen Stellenwert eingenommen haben, dass man sich die Zeit nehmen würde, um über sie nachzudenken oder gar zu sprechen. Zweitens setzt es ein gewisses Maß an Vertrauen voraus, um überhaupt zu lästern. Ich für meinen Teil vertraue niemandem so sehr, als dass ich mich auf eine solche Unterhaltung einlassen würde. Sicherlich habe auch ich meine Meinung über den einen oder anderen, doch hat dieses nichts mit lästern zu tun. Sondern einzig mit meiner Meinung, welche ich auch vor jedem vertreten würde.

Abschließend noch ein paar Sätze dazu, warum ich der Schreibwerkstatt dennoch weiterhin auch mit etwas Zurückhaltung begegne. Das hat nichts mit deren Konzept zu tun als vielmehr mit meiner Haftsituation. Ich gelte als Tatleugner, weil ich das Urteil gegen mich als Ganzes nicht akzeptieren kann und eine Wiederaufnahme anstrebe. Deshalb muss ich darauf achten, was ich sage. Davon abgesehen widerspricht es auch meinem Naturell, mich über meine Vergangenheit, Familie oder Beruf zu äußern. Verschwiegenheit gehört zu meinen wichtigsten Attributen, und die lebe ich aus. Deshalb ist dies erst der zweite Text, den ich in den vergangenen acht Monaten Gruppenteilnahme beigesteuert habe. Dass es bisher erst zwei Texte sind, beschreibt meinen inneren Konflikt: Ich möchte mich einerseits nicht verbiegen und deshalb eigentlich lieber gar nichts schreiben. Andererseits möchte ich mich der Schreibgruppe gegenüber nicht respektlos verhalten und habe deshalb bereits zwei Texte verfasst.

Denn das von HEMPELS entwickelte Konzept dieser Gruppe finde ich, wie bereits gesagt, beispielhaft: Es wird eine Brücke über Mauern hinweg gebaut. Gefangenen wird so ermöglicht, sich in der Öffentlichkeit zu Wort melden zu können. Für mich persönlich ist dabei die Aussicht auf eine Veröffentlichung eigener Text nachrangig. Wichtiger ist, dass HEMPELS überhaupt die Möglichkeit dazu bietet. Und dass deren Redakteur sich alle 14 Tage die Zeit nimmt, uns zu besuchen. Damit beschreitet man den einzig richtigen Weg.

Text: NEMO (Vorname geändert), 38, seit Oktober 2008 in Haft. Wegen Totschlags zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

 

 

Veröffentlichung 3 Ausgabe 198

Text 3

Ein komisches Gefühl

Die Bedeutung von Zeit in der Haft

Der Begriff Zeit ist einer der am schwersten zu beschreibenden, die es gibt. Zeit begleitet uns vom Moment der Befruchtung des Eis an bis zum letzten Atemzug. Und sie bestimmt uns. Ob wir es wollen oder nicht: Zeit ist immer um uns herum. Obwohl Zeit etwas Objektives ist – die Uhrzeit –, die unseren Tagesablauf bestimmt wie Arbeit und Freizeit, Tag und Nacht, so ist sie stets auch etwas ganz Subjektives.

Zum Beispiel die Zeit nach meiner Festnahme: In der ersten Nacht war ich aufgewühlt, Tausend und mehr Gedanken gingen mir durch den Kopf. Es war Frühsommer und heiß und stickig in dem Raum. Ich hatte Hunger und Durst. Die Stunden zogen sich hin, an Schlaf war nicht zu denken. Eine nicht enden wollende Zeit. Vor allem, da ich keine Uhr hatte, nicht wusste, wie spät es war und vor mich hin wartete. Einfach so. Noch mal verstärkt wurde das Gefühl dadurch, dass die Wirkung von Alkohol und Drogen nachließ, die ich vor meiner Verhaftung konsumiert hatte.

In einem kleinen Zellenraum – das Fenster so hoch, dass ich auf einen Stuhl steigen musste, wenn ich rausschauen wollte – sollte ich nun die nächsten Wochen und Monate verbringen. Eine Zeitspanne, die ich mir nicht vorstellen konnte. Einen Tag nach der Festnahme erhielt ich Besuch von meinen Eltern. Sie waren acht Stunden gefahren, um mich sehen zu können. 30 Minuten Zeit hatten wir. 30 Minuten, in denen die ersten wichtigen organisatorischen Dinge besprochen und auch Weichen gestellt werden mussten.

Bevor sie wieder zurück nach Hause fuhren, wollten meine Eltern mich ein paar Tage später erneut besuchen. Zwar durfte ich alle 14 Tage für 30 Minuten Besuch erhalten, bis zu diesem nächsten Besuchswunsch waren jedoch erst zehn Tage vergangen. Zunächst hieß es deshalb: Nein, 14 Tage bedeuten 14 Tage. Staatsanwalt und Richter ermöglichten es jedoch, dass meine Eltern mich bereits nach zehn Tagen wieder sehen durften. In den folgenden Monaten konnte ich von meinen Eltern einmal im Monat für 60 Minuten Besuch erhalten, da sie einen weiten Anfahrtsweg hatten. Doch auch wenn 60 Minuten 60 Minuten sind und bleiben, gefühlt ging die Besuchszeit so schnell vorbei, dass es ein komisches Gefühl war, sich zu verabschieden. Ebenso schnell gingen auch die täglich 60 Minuten Hofgang vorbei, die mir als Gefangener zustehen.

Zurück im Haftraum saß ich nach den Hofgängen wieder da – und wartete. Die Tage kamen mir als nicht enden wollend vor. Von der Verhaftung bis zur Verhandlung dauert es Monate, so dass sich diese Zeit wie eine Ewigkeit anfühlt. Präsent ist nur der kommende Tag, sind vielleicht die nächsten Tage. Die längste zu überblickende Zeiteinheit für einen Gefangenen ist eine Woche: Jeden Montag wird der Essensplan für die neue Woche aufgehängt. Eine Orientierungshilfe für mich in dieser neuen Umgebung.

Die Aufschlusszeiten auf der Station waren genau vorgegeben, dann konnte man Zeit mit anderen Gefangenen verbringen. Für mich war es eine enorme Umstellung, dass andere mir die Zeit einteilen, mir sagen, wann ich wen wie lange sehen und sprechen darf. An Tagen, an denen keine Aufschlusszeit war, saß ich 23 Stunden im Haftraum. Dann stand mir nur die eine Stunde Hofgang zu. Für mich unerträgliche Tage.

Mir ist damals bewusst geworden, wie kostbar Zeit ist und dass sie es verdient hat, sinnvoll genutzt zu werden. Und ich stelle fest: Ohne Straftat hätte ich diese Zeit anders, besser und für mich produktiver verbringen können. Diese Erkenntnis wird mich mein Leben lang begleiten.

Text: RAINER (Vorname geändert), 39, seit Mai 2009 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt.