Veröffentlichung Ausgabe 205

Text 1

Mein Sohn und ich

Was dem Gefangenen Ronny der Besuch seines Kindes bedeutet

Nun sind es noch zwei Tage. Noch zweimal schlafen, bis der große Tag anbricht. Schon lange warte ich ungeduldig darauf, nun ist es bald soweit. Nein, ich werde in zwei Tagen nicht entlassen. Auch werden mir dann kein Ausgang oder andere Lockerungen gewährt. Eigentlich wäre übermorgen ein weiterer ganz normaler Tag in meinem derzeitigen Leben als Inhaftierter, würden mich dann nicht mein Kind und seine Mutter – seit vier Jahren meine Ex-Partnerin – besuchen kommen. Endlich sehe ich dann meinen Sohn wieder, der mittlerweile elf Jahre alt ist und zu einem jungen Mann reift. Dies kann ich hier drinnen leider nicht aktiv miterleben. Umso erstaunter bin ich, wie doll er wächst und sich zwischen den etwa alle drei Monate stattfindenden Besuchen weiterentwickelt. Häufigere Besuche sind seiner Mutter aus Arbeitsgründen leider nicht möglich. Dass sie mir in diesem Rahmen trotzdem beisteht und hilft, den Kontakt zwischen mir und meinem Sohn zu fördern, dafür bin ich ihr dankbar. Bei anderen Gefangenen in vergleichbarer Situation kommt das seltener vor als man denkt.

Dass ich in Haft bin, ist weder für meine frühere Partnerin noch für unser Kind leicht. Ich habe lange mit mir ringen müssen, ob es gut wäre, dass mich mein Sohn in der Haft besucht. Oder ob ich ihm das lieber erspare. Mauern, Gitter und Stacheldraht können für ein Kind, das zum Zeitpunkt meiner

Inhaftierung neun Jahre alt war, sehr bedrückend wirken. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Mein Verstand zweifelte, aber mein Herz schreit nach ihm. Und da es auch sein inniger Wunsch war, endlich seinen Papa wiederzusehen, ging es gar nicht anders, als sich für seinen Besuch zu entscheiden.

Heute denke ich, dass dies die richtige Entscheidung für alle ist. Nie werde ich den Tag vergessen, als er das erste Mal bei mir zu Besuch war. Über beide Backen strahlte er mich an. Vergessen waren plötzlich die äußeren Umstände der Haft. In dem Moment gab es nur uns beide. Wir zwei Männer. Nichts kann uns nun mehr trennen, selbst die dicksten Mauern nicht. Dieses Gefühl der Verbundenheit besteht ständig, nicht nur bei den Besuchen. Wenn wir telefonieren oder uns Briefe schreiben, sitzen wir uns zwar nicht unmittelbar gegenüber. Wir sind uns dennoch sehr nahe. Das muss dann erst mal reichen bis zum nächsten Besuch.

Wenn er zu Besuch ist, albern wir rum und lachen sehr viel. Ob er sich selbst Fragen stellt, was Knast bedeutet und warum ich dort bin? Ich weiß es nicht. Ich wünsche jedenfalls, dass er mit der Situation gut zurecht kommt und im Alltag ganz normal aufwächst. Derzeit weiß er nur, dass ich etwas ganz Böses gemacht habe und lange Zeit im Gefängnis sitzen muss. Irgendwann, wenn er älter ist, wird er mich fragen, warum ich im Gefängnis bin. Und wenn ich ehrlich bin, dann fürchte ich mich vor diesem Tag und hoffe, dass er noch in weiter Ferne ist. Zu schlimm ist meine Straftat. Aber eines Tages wird er alt genug sein für die Wahrheit und verdient es, sie zu erfahren. Bis dahin versuche ich, ihm eine sch.ne Besuchszeit zu ermöglichen und das Gefühl zu vermitteln, dass es mir hier gutgeht. Klar möchte ich, dass er an mich denkt. Ich möchte aber auch, dass er da draußen sein Leben weiterlebt und sich keine Sorgen um mich macht.

Darum wundert es wohl nicht, dass ich dem nächsten Besuch in zwei Tagen stark entgegenfiebere. Bei den Gedanken an mein Kind tut mir immer das Herz weh. Aber dennoch sind es genau diese Gedanken, die mich aufbauen und die mir die Kraft geben, durchzuhalten.

Text: Ronny (Vorname verändert), 36, ist seit Februar 2011 in Haft. Wegen Sexualstraftaten verurteilt zu sieben Jahren und drei Monaten Gefängnis.

Veröffentlichung 2 Ausgabe 205

Text 2

Ein Besuch und viele Folgen

Ein Gefangener über die Bedeutung des Kontakts zu Angehörigen

Ich stehe im Besuchsraum und umarme zur Begrüßung meine Patentante. Sie hat Tränen in den Augen, als sie mich sieht. Auch ihren Mann und meine Mutter, die sie begleiten, begrüße ich herzlich mit einer Umarmung. Es tut gut, Besuch zu bekommen, Ablenkung vom Knastalltag zu haben, mit anderen Menschen andere Themen als sonst zu besprechen. Oder einfach nur zuhören, wie es den Leuten geht, die ich draußen kenne. Einige Wochen vorher hatte ich von meiner Patentante Post erhalten. Ihr Mann und sie möchten mich gerne besuchen. Darüber hatte ich mich sehr gefreut, doch ich wusste auch, wie schwer ihnen ein solcher Besuch fallen würde. Denn es w.re ihr erster bei mir in der Haft und ein Wiedersehen nach rund vier Jahren. Ich hatte damit schon gar nicht mehr gerechnet, und so spürte ich in mir eine Mischung aus Freude und Aufregung.

Mit meinen Eltern – inzwischen „Besuchsprofis“ – hatte ich deshalb nach dem Brief meiner Tante besprochen, dass sie unsere Verwandten auf den Besuch vorbereiten. Ein Besuch im Gefängnis ist etwas ganz anderes als der in einer Wohnung. Die hohen Mauern, der Stacheldraht, der kleine Warteraum für die Besucher, das Abtasten der Kleidung – all das macht etwas mit den Menschen, die einen besuchen. Das alles wirkt einschüchternd, beängstigend und l.st unangenehme Gefühle wie Beklemmung und erhöhten Herzschlag aus. Es sind Eindrücke, die nachwirken. Dazu die vielen Fragen, die meine Verwandten vorab beschäftigten und von denen mir meine Eltern berichtet hatten: Wie würde ich auf ihren Besuch reagieren? Würde ich weinen? Sollte ich aufgewühlt, traurig oder erfreut sein? Und vor allem: Wie würde es auch mir nach dem Besuch gehen, nicht nur: wie ihnen?

Ich selbst hatte mir im Vorfeld des Besuchs ja auch meine Gedanken gemacht. Wie würden meine Tante und ihr Mann damit umgehen, mich im Gefängnis zu sehen? Zu sehen, dass ich in dieser Umgebung leben muss? Wie damit umgehen, dass ich ein Straftäter bin? Also haben meine Eltern meine Verwandten vorab darauf hingewiesen, dass ich mich sehr auf sie freue. Dass sie im Besuchsraum Getränke und Süßigkeiten kaufen können. Und dass wir uns anfassen, umarmen können, dass ich im Anschluss sicher gestärkt wieder zurück in meinen Haftraum gehen würde. Dass ein solcher Besuch also etwas Gutes für mich ist. Während des Besuchs konnten wir auch herzlich lachen. Zum Beispiel, als meine Tante mir eine Begebenheit beim Einlass erzählte. Ein Beamter hatte ihr eine Hand entgegengestreckt, woraufhin sie ihm wie selbstverständlich auch ihre Hand gab – zur Begrüßung, wie sie dachte. Der Beamte lächelte und sagte: „Nein, ich möchte die Jacke abtasten.“

Die zwei Stunden gingen schnell vorbei. Während ich meine Tante umarmte, sprach sie: „Es war schön, dich zu sehen. Und auch, dass du dich nicht verändert hast, dass du der geblieben bist, als den wir dich immer kannten.“ Meiner Mutter flüsterte ich zur Verabschiedung noch leise ins Ohr, dass sie zusammen mit meinem Papa später noch mit meiner Patentante und ihrem Mann sprechen m.ge. Nämlich um sie aufzufangen, um sie mit ihren Emotionen nicht allein zu lassen. Tage später telefonierte ich mit meinen Eltern. Sie berichteten mir, dass unsere Verwandten den Besuch bei mir gut überstanden und verarbeitet hätten. Gemeinsam waren sie an dem Abend noch etwas essen gegangen und haben sich dabei ausgetauscht. Dabei war zwar deutlich geworden, dass die äußeren Gegebenheiten eines Gefängnisses bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Deutlich wurde die starke Verunsicherung in einer solch ungewohnten und fremdbestimmten Umgebung.

Gleichzeitig konnte aber die Hemmschwelle abgebaut werden, was mir künftig geschrieben und erzählt werden kann. Manche im Voraus gestellte Frage – sowohl bei meiner Tante und ihrem Mann wie bei mir – hat sich während des Besuchs von selbst beantwortet. Sie haben sich über meine positive Reaktion auf ihren Besuch gefreut. Und ich wiederum habe ihre von früher bekannte Herzlichkeit und Offenheit auch in diesen zwei Stunden erlebt. Meine Verwandten sehen mich weiterhin als Person – sie sehen nicht nur meine Straftat. Obwohl sie als Angehörige ja auch darunter zu leiden haben, dass ich meine Straftat begangen habe. Sie lassen mich in dieser schweren Zeit also nicht allein. Das freut mich, denn ich bin an dem, was außerhalb dieser Mauern passiert, weiter sehr interessiert.

Es ist ein Teil meines Lebens, ich bin dankbar, dass ich trotz Knast am Leben der anderen teilhaben darf. Dass meine Patentante und ihr Mann mich gerne wieder besuchen möchten, ist für mich eine erfreuliche Nachricht gewesen. Ich freue mich auf ein Wiedersehen mit ihnen.

Text: Rainer (Vorname verändert). 39, ist seit Mai 2009 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Veröffentlichung 3 Ausgabe 205

Text 3

Wir stehen zu unserem inhaftierten Sohn

Wie ein Elternpaar damit umgeht, dass der Sohn im Gefängnis ist

Die Nachricht, dass unser Sohn festgenommen und im Gefängnis ist, war für uns nur schwer zu ertragen. Wir wurden dadurch aus der Bahn geworfen, innerlich und äußerlich. Die Belastungen der ersten Tage und Wochen waren uns anzusehen. Wir haben viel geweint, standen unter Schock. Es tauchten plötzlich so viele Fragen auf einmal auf: Was haben wir falsch gemacht? Wie konnte es nur dazu kommen, dass unser Sohn kriminell geworden ist? Haben wir an ihm etwas nicht wahrgenommen, was wir hätten wahrnehmen können?

Doch wie auch immer es dazu gekommen war, dass er mit Drogen gehandelt und selbst welche genommen hat – die Antworten auf unsere Fragen mussten warten. Zunächst – was nicht einfach war – haben wir bei unseren Besuchen versucht, ihm Mut, Zuversicht und Unterstützung zuzusprechen. Denn auch in solch einer nur schwer auszuhaltenden Situation ist und bleibt er unser Sohn. Anschließend blieben wir mit einem für uns sehr großen Problem allein zurück: Wie gehen wir künftig damit um, dass unser Sohn im Gefängnis ist? Was antworten wir, wenn wir von Freunden oder Verwandten auf ihn angesprochen werden? Warum er nicht mehr zu Besuch kommt?

Wir leben in einem Dorf auf dem Land. Hier kennt man sich und tauscht sich darüber aus, welche Neuigkeiten es bei anderen Leuten gibt. Es liegt leider in der Natur des Menschen, sich mit negativen Nachrichten zu beschäftigen, statt sich über positive zu freuen. So ist es nicht verwunderlich, dass wir die Nachricht von seiner Inhaftierung zunächst innerhalb der engsten Familie behielten. Wir mussten erst für uns die Situation klarbekommen, mussten unser inneres Gleichgewicht wieder finden, bevor wir weitere Menschen mit der Wahrheit konfrontieren konnten. In uns war eine Mischung aus Scham und Unbehagen; wir spürten Ängste, Freundschaften zu Nachbarn und Angehörigen zu verlieren. Wir hatten auch Angst davor, mit unserem Sohn in einen Topf gesteckt und ebenfalls als Kriminelle angesehen zu werden. Denn oft schauen Menschen nicht detailliert hin, sondern betrachten Dinge nur oberflächlich und so, wie sie gerade ins Bild passen.

In der langen Zeit bis zur Verhandlung spürten engste Freunde und Verwandte, dass etwas nicht stimmte. Es fiel uns aber weiter schwer, uns zu öffnen. Doch gleichzeitig wussten wir, dass unseren Sohn eine mehrjährige Haftstrafe erwartet und dass Menschen, die ihn kennen, irgendwann fragen werden, wie es ihm privat und beruflich geht. Sollten wir versuchen, uns irgendeine Geschichte auszudenken? Sollten wir so in einen Kreislauf des Vertuschens einsteigen, aus dem späterkaum noch ein Entrinnen möglich w.re? Sollten wir also ein Lügengebäude errichten und versuchen, es so lange wie möglich aufrecht zu halten? Nein, das sollte und durfte nicht sein. Seit vielen Jahren bestehende Freundschaften müssen Krisen eines anderen Menschen aushalten, ihn in dieser Zeit mittragen und soweit wie möglich positiv unterstützen. Wir selbst möchten von anderen Menschen auch nicht mit irgendwelchen Geschichten belogen werden. Deshalb entschieden wir uns schließlich für den einzig gangbaren Weg, für die Wahrheit. Auch wenn sie noch so hart ist und uns bis in unsere Träume verfolgt. Dass dies der richtige Weg war und ist, konnten wir mittlerweile oft spüren und erleben.

Es tut gut, dass wir Freunde haben, die uns beistehen und uns helfen, mit dieser auch nach inzwischen vier Jahren Haft immer noch schwierigen Situation klarzukommen. Doch nicht nur uns sind diese Menschen weiterhin ein Wegbegleiter, sie sind es auch unserem Sohn. Bei jedem Besuch dürfen wir ihn von ihnen grüßen und so ihre Anteilnahme und Zuversicht aussprechen. Wir wissen, dass er sich darüber freut. Denn er erkennt, dass nicht nur wir Eltern und seine Geschwister weiterhin an seinem Leben teilnehmen möchten, sondern auch seine Freunde, die ihn schon lange kennen.

Unser Sohn ist nicht abgeschrieben, weil er zurzeit im Gefängnis ist. Im Gegenteil, er ist weiterhin ein Teil unseres Lebens. Deshalb halten wir alle zusammen.

Text: Die Eltern, 69 und 66, des Gefangenen Rainer (Vorname verändert), 39. ist seit Mai 2009 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt.