Veröffentlichung Ausgabe 210

Text 1

Kleine Herzchen

Warum der Brief seiner Nichte dem Gefangenen Harvey größtes Glück bedeutet

Ein Brief von meiner zwölfjährigen Nichte, die sich zunächst nach dem persönlichen Wohlergehen erkundigt, vielleicht etwas floskelhaft, aber an erster Stelle. Die sich ausdrücklich für meinen letzten Brief bedankt, die sich Gedanken um meine Situation macht, die bereit ist, den Grund meines Hierseins (Totschlag meiner Ehefrau, ihrer Tante) als einen „vielleicht gemachten Fehler“ zu sehen. Die ihre Erinnerungen an einen freundlichen Onkel dagegenhält und sich nicht von bösen Worten beirren lässt. Die mich als fürsorglich und liebevoll beschreibt. Die die durch mich erfahrene und gefühlte Wertschätzung aufzählt: Nähe, Wärme, liebevolle Anteilnahme, Freude. Die eine konkrete Wertschätzung aufgrund von Anrufen und Besuchen erwähnt. Die sich an mir und meiner Güte erfreut.

Die froh ist, dass es mich gibt, und die die Beziehung zu mir schätzt. Die sich an das Wohlsein durch meine N.he erinnert und mich vermisst. Die versucht, mich aufzubauen und zu ermuntern: durch einen Bibelvers (Joh. 3,16), der für sie selbst große Bedeutung hat und die sie auch mir wünscht. Die so auch meine psychische Not erahnt oder sogar erkennt und sich für mich Heilung erhofft. Die mir ohne Scham in unglaublicher Offenheit ihre kindliche Liebe gesteht und diese so schwer beschreibbare Zuneigung in Worten und Zahlen auszudrücken sucht. Es gelingt ihr mit erstaunlicher Leichtigkeit, was vielen Erwachsenen wohl unmöglich ist. Die den ganzen Brief liebevoll mit kleinen Herzchen verziert hat. Dieser Brief und jede Erinnerung an ihn machen mich unbeschreiblich glücklich und zeigen mir, dass Liebe und Zuneigung Grenzen und Mauern überwinden können.

Text: Harvey (Vorname verändert), 50, seit August 2012 in Haft. Wegen Totschlags an seiner Ehefrau zu sieben Jahren verurteilt.

Veröffentlichung 2 Ausgabe 210

Text 2

Enten in Haft

Bei der Beobachtung von Tieren entdeckt Steve Parallelen zum Menschen

Hier auf dem Anstaltsgelände leben auch einige Enten. Es ist Ende Mai, und sie haben ihre ersten Küken bekommen. Es ist schön mit anzusehen, wie die Entenmütter mit dem Nachwuchs über das JVA-Gelände watscheln. Jeden Tag tun die Entenmütter das mit ihren zwölf Küken. Mitunter denke ich, die beiden Enten verabreden sich regelrecht zum Spazierengehen mit den Kleinen. Schon komisch, welche Parallelen zum Menschen man in der Tierwelt findet. Zwei Wochen später: Die beiden Entenmütter spazieren jetzt nur noch mit acht statt zuvor zwölf Küken über das Gelände. Ich frage mich, was wohl mit den vier fehlenden Küken passiert ist. Zu fressen haben sie hier am Teich ja genug. Einmal, als ich Zeit hatte, habe ich mich auf die Lauer gelegt und die Enten beobachtet. Dabei entdeckte ich zwar eine Katze. Sie war aber nicht der Grund für das Verschwinden der Enten. Die Katze hatte zwar versucht, sich ein Küken zu fangen, aber die Entenmütter gingen wie wild auf die Katze los – und weg war die.

Die tatsächliche Ursache für das Verschwinden der Küken habe ich anschließend herausgefunden Ich war gerade dabei Holz zu hacken, als Sturmmöwen die Enten angriffen. Vier Möwen gingen auf einmal auf die Enten los – dagegen waren diese machtlos. Die Sturmmöwen hatten sich rasch erneut ein Küken geholt. Echt schlau von den Möwen, war mein erster Gedanke. Aber dann: Nein, die Möwen sind auch dumm. Denn nachdem sie zunächst zielgerichtet zusammengearbeitet hatten, verloren sie ihr ursprüngliches gemeinsames Ziel vorübergehend wieder aus den Augen. Sie begannen sich um die Beute zu zanken – eine weitere Parallele zu uns Menschen, die wir das ähnlich ja auch oft tun. Irgendwann später sind nur noch drei Küken zu sehen. Ich füttere sie und die Enteneltern hin und wieder mit Brot und habe dabei festgestellt, dass sie richtig zutraulich werden.

Wenn ich morgens zum Platz gehe warten sie schon, dass ich mit weiterem Brot ankomme. Das sind Momente, in denen ich meine Haft vergesse. Das sind meine besonderen Momente des Glücks. Jetzt Ende Juli sind kaum noch Enten da, da der Teich fast kein Wasser mehr hat und nur noch sehr wenig Nahrung bietet. Und mir fehlt etwas.

Naja, im nächsten Frühjahr erlebe ich es hoffentlich noch einmal mit. Und wenn ich dann kommenden Juni entlassen werde, werde ich mir mehr Zeit nehmen, um auch draußen die Kleinigkeiten im Leben zu genießen. Zum Beispiel Enten irgendwo an einem Teich.

Text: Steve (Vorname verändert), 41, seit Anfang 2013 in Haft. Wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt.

Veröffentlichung 3 Ausgabe 210

Text 3

Das kleine Glück ist überall

Ronny war immer auf der Suche. Jetzt freut er sich über Handgeschriebenes

Mein ganzes Leben bin ich auf der Suche. Auf der Suche nach dem Glück. Ich war immer damit beschäftigt, zu arbeiten und viel Geld zu verdienen. Dabei dachte ich, dass ich glücklich wäre. Aber im Nachhinein betrachtet merke ich, dass dieses Glück immer nur oberflächlich und von kurzer Dauer war. Konsumgüter bestimmten meinen Alltag, sie lenkten mich ab von den kleinen wahren und schönen Dingen des Lebens.

Nun sitze ich schon seit zweieinhalb Jahren in Haft und merke erst jetzt, welch trauriges Leben ich früher draußen geführt habe. Ich bin den falschen Werten hinterhergerannt, ohne es zu erkennen.


Im Zeitalter der elektronischen Post wird viel belangloses Zeug ohne Wert und Inhalt gepostet oder per E-Mail mitgeteilt. Dies war auch mein Alltag. Aber einen richtigen Brief geschrieben, per Hand mit Tinte auf Papier, im Umschlag verschickt mit Briefmarke darauf, das habe ich erst hier drinnen schätzen gelernt. Einen solchen Brief in den Händen zu halten, daran zu riechen und das Papier zu spüren, die Freude, Hingabe und Mühe zu erkennen, die sich die schreibende Person gemacht hat – das ist für mich Glück. Eine Karte aus dem Urlaub, zum Geburtstag oder zu Weihnachten hätte für mich draußen nie eine solche Bedeutung gehabt wie hier drinnen. Sie wäre nach ein paar Tagen in einer Schublade gelandet und würde dort verstauben. Hier hängen sie alle an der Wand und kriegen von mir die Beachtung, die sie verdienen.

Während draußen die Hektik den Alltag bestimmt hat und nur Spielraum für kurze und oberflächliche Gespräche zuließ, sehe ich es hier als großes Glück an, mich mit anderen Menschen, die auch inhaftiert sind, in Ruhe hinsetzen und Blüten zu halten und den Duft zu genießen. Es riecht süßlich, intensiv, vor meinem inneren Auge sehe ich eine Blumenwiese. In meinen Gedanken erinnere ich jetzt die farbenprächtigsten Blüten in einer leichten Windbrise. Gelb, Rot, Lila, Blau, dazu weitere mit durch Linien und Schattierungen hervorgerufene farbliche Kontraste. Wunderbar.

Endlos kann ich mich diesen Bildern hingeben, ich öffne langsam meine Augen und spüre, wie gut mir diese Blumen tun. Vor meiner Haftzeit habe ich Blumen nicht sonderlich wertgeschätzt. Im kleinen Haftraum ist es anders. Wenn die Blumen zu welken beginnen, dann wird mir bewusst, dass das Leben stirbt, das sie beinhaltet haben. Sie sind vergänglich. Mich stimmt es traurig und es tut weh, sie anschließend entsorgen zu müssen. Ich stelle mir vor, wem sie alles in der Natur Freude und sogar Lebensgrundlage gewesen wären, würden sie zuvor nicht abgeschnitten.

Und doch zaubert sich bei all der Wehmut ein Lächeln auf meine Lippen. Ich bin dankbar für die positive Stimmung, die diese Blumen in mir auslösen. Und mit gespannter Freude warte ich darauf, welche Blumen ich beim nächsten Mal vom Pastor bekommen werde. Welche Farben, Formen und Düfte es auch immer sein werden – ich freue mich darauf. Während der Haft habe ich gelernt, solche einfachen Momente mehr zu genießen und stärker wertzuschätzen. Ich erschrecke über mich selbst, dass ich mich früher von der Hektik und Oberflächlichkeit des Alltags habe in Beschlag nehmen lassen, dass ich mich untergeordnet habe. Und damit die kleinen Freuden des Alltags nicht sehen, wahrnehmen und genießen konnte.

Diese Eigenschaften habe ich während der Haft wiederentdeckt. Und möchte sie mir auch gerne nach der Haftzeit weiter bewahren. Für die kleinen Farbtupfer in meinem Leben.

Text: Rainer (Vorname verändert), 39 ist seit Mai 2009 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt.