Veröffentlichung Ausgabe 219

Text 1

Mama, hast du den Brief noch lesen können?

Als Ronny seiner Mutter schrieb, auf gutem Weg zu sein, starb sie an Krebs

Es ist Abend, ich sitze in meiner Zelle. Ruhige Musik dringt an meine Ohren, mehrere Teelichter geben flackerndes Licht ab. Alles scheint harmonisch zu sein, trotzdem rinnt mir eine Träne nach der anderen die Wangen hinunter. Drei Tage nun schon, seit drei Tagen bereits befinde ich mich in diesem tranceartigen Zustand. Drei Nächte, in denen ich kaum geschlafen habe. Eigentlich dürfte ich inzwischen gar keine Tränen mehr haben, doch es fließen immer noch welche. Die alltäglichen Dinge um mich her- um nehme ich kaum noch wahr. Stattdessen immer nur der eine Gedanke: Bloß 17 wenige Tage, bloß zweieinhalb Wochen voller Hoffnung waren ihr geblieben – dann war ihr Leben vorbei.


Vor drei Tagen: Da rief ich meine Oma an, nachdem ich zuvor meine Mutter nicht erreichen konnte. Ich wusste seit zweieinhalb Wochen, dass Mutter an Lungenkrebs erkrankt war. Als ich Oma nun in dem Telefonat nach dem Gesundheitszustand fragte, begann sie sofort zu weinen – meine Mutter war am Vor-tag gestorben. Wie von einer Planierraupe überrollt fühlte ich mich nach dieser Nachricht.

Und so fühle ich mich auch jetzt noch.
17 Tage vor ihrem Tod hatte meine Mutter mir in einem Telefonat nach langem Zögern von ihrer inoperablen Krebserkrankung berichtet. Sie erzählte mir, dass in vielen Gesprächen mit Ärzten nach der besten Therapie für sie gesucht worden sei. Es waren Pläne für Chemo- und Bestrahlungstherapie ausgearbeitet worden, in der folgenden Woche sollte es losgehen damit. Als ich mit ihr vor zweieinhalb Wochen darüber telefonierte, wirkte sie auf mich trotz der schlechten Nachricht noch fit. Sie war gerade vom Einkaufen zurück nach Hause gekommen und fühlte sich sehr gut. Sie hoffte, dass ihr noch ein paar Jahre bleiben würden. Jetzt, gerade mal 17 Tage später, ist sie tot. Sie hat den Krebs nicht besiegen können, der Krebs hat sie besiegt, in Windeseile.

Und nun stehe ich ohne sie da.
Seit gut drei Jahren bin ich in Haft, seit über zwei Jahren habe ich meine Mutter nicht mehr gesehen. An ihrem Leben konnte ich nicht mehr teilnehmen. Ich be
kam gar nicht
 mit, dass es ihr immer
 schlechter ging. Und ich wusste nicht, ob sie etwas belastete oder erfreute. Aber mir war klar, dass sie sich ständig Vorwürfe machte. Vorwürfe, bei meiner Erziehung Dinge falsch gemacht zu haben und deshalb Schuld zu tragen da- ran, dass ich im Knast gelandet bin. Aber sie hat nichts falsch gemacht, sie hat mir den richtigen Weg gewiesen. Es war allein ich, der den falschen Weg ein-geschlagen hatte.

In der Vergangenheit habe ich nicht die Chance gesehen, ihr das direkt zu sagen. Auch nicht zu sagen, wie lieb ich sie habe und wie dankbar ich ihr für alles bin. Vor zehn Tagen habe ich ihr das alles endlich in einem Brief aufgeschrieben. Ob sie den vor ihrem Tod noch gelesen hat, konnte mir niemand sagen. Wenigstens fand man meine Zeilen nach ihrem Tod im Krankenhaus in ihrer Handtasche. Ich wünsche mir so sehr, dass sie meine Worte zum Schluss noch lesen konnte. Vielleicht hat ihr wenigstens jemand meinen Brief vorgelesen, um so noch zu vernehmen, was ich ihr gerne mitteilen wollte. Und um dann in Frieden gehen zu können.


Nun ist sie hoffentlich im Himmel und schaut auf uns hinab. Die Welt dreht sich weiter, das Leben muss weiter- gehen, egal ob man es will oder nicht. Der Tod lässt sich nicht aufhalten. Ich weiß seit drei Tagen, dass meine Mutter tot ist, aber wahrhaben will ich es immer noch nicht. Richtig realisieren werde ich das wohl erst können, wenn ich an ihrem Grab stehe. Ihr diese letzte Ehre nicht erweisen zu können, würde ich mir nicht verzeihen. Und ich weiß inzwischen auch, dass mir die JVA die Teilnahme an der Beerdigung ermöglichen wird.

Im Moment sitze ich hier in meiner Zelle, Tränen laufen mir weiter die Wangen hinunter, ich denke an Liedzeilen der Soulband Glashaus: „Und die Welt dreht sich weiter, und dass sie sich weiterdreht, ist für mich nicht zu begreifen. Merkt sie nicht, dass einer fehlt? Haltet die Welt an!“
Das Schönste wäre, meine Mutter würde noch leben und erfahren, dass ich mein Leben in den Griff bekomme und nicht mehr straffällig werde. Sie ist jetzt tot; was sie betrifft, geht das also nicht mehr. Ich aber werde nach meiner Entlassung auf den Friedhof an ihr Grab gehen und ihr sagen, dass ich es geschafft habe.
Mama, du fehlst mir, ich liebe und vermisse dich. Ruhe in Frieden, dein Sohn R.

Text: Ronny (Vorname geändert), 37, ist seit Februar 2011 in Haft. Wegen Sexualstraftaten verurteilt zu sieben Jahren und drei Monaten Gefängnis.

Veröffentlichung 2 Ausgabe 219

Text 2

Mein Junge und ich

Wie Harvey den Langzeitbesuch seines Sohnes bei ihm Gefängnis erlebt hat

Ich bin 50 Jahre alt, seit knapp zwei Jahren in Haft und zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, weil ich meine Frau im Streit erwürgt habe. Vergangene Woche konnte ich nun einen ganzen Tag mit meinem gerade 18 Jahre alt gewordenen Sohn verbringen – sein erster Langzeitbesuch bei mir im Gefängnis. Langzeitbesuche bieten Häftlingen mit längerer Strafzeit eine intensivere Kontaktmöglichkeit zur Familie; in wohnlich eingerichteten Räumen kann man einen Tagesverlauf vom Frühstück bis zum Abendbrot selbst gestalten.

Die Aufrechterhaltung der Beziehungen zu Verwandten und Freunden ist für Gefangene wichtig und natürlich schon durch die Haft selbst erschwert. In meinem Fall stellt meine Tat zusätzlich ein großes psychisches und emotionales Problem für meine insgesamt drei Kin- der dar (neben meinem Jungen habe ich noch zwei minderjährige Töchter): Ich habe ihnen Mutter und Vater gleichzeitig genommen.

Bereits während der Untersuchungshaft haben mir alle drei Kinder ihre bestehende Liebe und Zuneigung bestätigt. Wegen der emotionalen Belastung für meine Töchter und meiner eigenen Angst davor, mehreren Menschen gleichzeitig zu begegnen, war ich dann froh darüber, dass mich mein inzwischen volljähriger Sohn allein besuchen durfte.


Dem Zusammensein sah ich erwartungsvoll und freudig entgegen. Ich hatte so viele Fragen und wollte gerne Missverständnisse und Ungereimtheiten erklären. Dies möglicherweise als Ausdruck des Wunsches, mein Verhalten in irgendeiner Weise begreiflich zu machen. Und doch wusste ich, dass auch mein Sohn Fragen an mich richten könnte, vielleicht sogar Vorwürfe. Wäre ich bereit, ihm dafür Zeit und Gelegenheit zu geben? Bereit dazu, ihn durch mein eigenes Verhalten zu ermutigen, um sich und seine Bedürfnisse zu präsentieren? Oder wäre erst einmal ein ganz „normales“ Miteinander mit dem Austausch von alltäglichen Erlebnissen besser? Aber was ist unter diesen Um- ständen schon normal?

Um 10:30 Uhr – nach einer zweieinhalbstündigen Zugfahrt meines Sohnes – standen wir uns gegenüber und nahmen uns sofort herzlich in die Arme. Wir drückten uns so kräftig und so lange wie nur möglich. Mir war klar, dass als neutrale Basis das gemeinsame Vorbereiten von Essen und dessen Aufnahme selbst wichtig sind bei einer solchen Begegnung. Man ist dann mit Dingen beschäftigt und kann drumherum in aller Offenheit und Ehrlichkeit Gespräche führen. Also bereiteten wir zum Frühstück Brötchenteig vor (wurde schließlich ein leckeres Brot), kochten Eier, dazu Müsli und Kakao. Später zum Mittagessen gab es selbst gemachte Frikadellen mit Tomaten-Quark-Soße und Nudeln.

Die Gespräche zwischen uns verliefen friedlich und interessiert an der anderen Person. Persönliches, Allgemeines, Alltägliches waren die Themen, sogar Anekdoten wurden erzählt und Witze gemacht. Natürlich entstanden zwischendurch auch Gesprächspausen, ohne dass das Schweigen peinlich gewesen wäre. Und ganz vorsichtig näherten wir uns (oder ich mich?) auch kritischen Themen. Zum Beispiel, als wir über ehemalige Freunde von mir sprachen, die sich von mir distanzieren, zu denen mein Sohn aber weiterhin engen Kontakt pflegt. Ich war froh ihm versichern zu können, dass ein bestimmtes gegen mich verbreitetes Gerücht unwahr ist. In der Erziehung meines Sohnes habe ich mir bei ihm so viel Vertrauen erworben, dass er nun keinen Zweifel an meinen Worten hatte.

Weder er noch ich haben bei diesem ersten Treffen die Notwendigkeit gesehen, über die Tat und deren Umstände zu sprechen. Ich denke, dass es richtig war, dieses Thema noch außen vor zu lassen und nicht zu erzwingen. Ich möchte meinem Sohn die Möglichkeit geben mitzuentscheiden, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist. Nur so kann dann auch dieses Thema offen, vertrauensvoll und zum Wohle von uns beiden behandelt werden.

Der Tag war lang und durch die Gespräche und das Beisammensein anstrengend. Obwohl mein Sohn irgendwann erschöpft war, wollte er bis zum Schluss bleiben. Also spielten wir noch etwas, ohne dabei viel zu reden, bevor er mich um 17 Uhr wieder verließ. Auch nachträglich versicherte er mir, dass er wiederkommen wolle, was wohl leider nur in seinen Ferien möglich sein wird. Ich bin stolz auf meinen Sohn, stolz auf meine Kinder, so wie sie sich mir gegenüber verhalten.

Text: Harvey (Vorname verändert), 50, ist in Haft seit August 2012. Wegen Totschlags an seiner Ehefrau zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Veröffentlichung 3 Ausgabe 219

Text 3

Mein Netzwerk aus Freunden und Familie trägt

Wie Rainer nach fünf Jahren Haft die ersten Tage nach seiner Entlassung erlebte

Ich saß beim Mittagessen, als die Tür meines Haftraumes aufging: „Herr X, packen sie bitte ihre Sachen. Sie werden entlassen“. Meinem Antrag auf vorzeitige Zwei-Drittel-Entlassung war zugestimmt worden. Rasch konnte ich mich noch von einigen Mitgefangenen verabschieden. Es tat gut, die warmen Hände zu spüren, die Worte der Freude zu hören und auch mit dem Gefühl gehen zu dürfen, Menschen an meiner Seite gehabt zu haben, mit denen ich die Zeit gerne verbracht habe. Sie werden immer Teil meines Lebens und damit meiner Erinnerung an die Knastzeit sein.

Dann stand ich in der Hauptpforte. Lange hatte das Warten auf diesen Moment gedauert. Ein Kapitel meines Lebens, die Haftzeit, war abgeschlossen, ein neues stand bevor. Wie wird es werden? Welche Schwierigkeiten, Probleme und Vorbehalte werden mir als Ex-Knacki entgegengebracht? Wie werden die Wiedersehen mit Freunden und Verwandten sein? Wie wird es beruflich und privat weitergehen? Werde ich wieder in die Gesellschaft integriert, oder werde ich als ehemaliger Gefangener nicht angenommen?

Während der Haft hatte ich von Freunden und der Familie Be- such und Briefe erhalten. Das zeigte mir und ließ mich tief in mir spüren, dass ich als Person gemocht werde und die Straftat zwar zu mir gehört, jedoch nicht die Wertschätzung mir gegen- über verändert hat. Am Abend im Haus meiner Eltern kamen einige Angehörige zu Besuch. Meinen Neffen zum Beispiel hatte ich während der knapp fünf Jahre Haft nie gesehen. Als wir uns nun wiedertrafen, schlossen wir uns in die Arme.

Die Freude über meine Entlassung war bei allen deutlich spürbar. Die erste Nacht in Freiheit war recht kurz. Irgendwie wurde ich nicht müde; kaum eingeschlafen, wachte ich wieder auf. Eine innere Unruhe zerriss mich förmlich. Denn auf der To-do-Liste standen viele Punkte: Kartons und Kisten mussten gesichtet werden, in die meine Eltern nach der Verhaftung all meine Sachen gepackt hatten. Ein Termin mit der Bewährungshilfe musste organisiert werden, Arztbesuche standen bevor.

Der erste Weg führte mich jedoch zur Bundesagentur für Arbeit – die finanzielle Seite regeln, um eine Sorge weniger zu haben. Überaus freundlich und zuvorkommend behandelte mich die Sachbearbeiterin. Angst, Vorbehalte oder negative Stimmungen mir gegen- über waren nicht spürbar. Ich wurde als Mensch behandelt, als Kunde. Doch ganz schnell war klar, dass die Arbeitsagentur für mich nicht zuständig ist. Ich wurde an das Sozialzentrum verwiesen, um dort einen Antrag auf Hartz IV stellen zu können.

Und da war sie plötzlich wieder – die Angst vor Hartz IV und sozialem Ab- stieg, die ich schon während einer arbeitslosen Phase vor meiner Haft besaß. Ich bin gelernter Erzieher, während einer früheren vorübergehenden Arbeitslosigkeit hatte ich wegen dieser Angst schließlich doch eine schlecht bezahlte Erzieherstelle angenommen. Ich denke, dass meine Straftaten damals, der Handel mit Drogen, auch in dieser Existenz- angst eine ihrer Ursachen hatten.

Und nun also – nach der Haftentlassung – bin ich genau da angekommen, wo ich nie hin wollte: Ich saß im Sozialzentrum und stellte meinen Antrag auf ALG II, auf Hartz IV. Da ich dem Arbeitsmarkt lange nicht mehr zur Verfügung gestanden hatte, wurde ich zugleich in ein Bewerbungstraining eingebucht. Vielleicht war das gut gemeint, aus meiner Sicht jedoch lange nicht gut gemacht. Denn wie Bewerbungen geschrieben werden, weiß ich aus meinem Berufsleben. Immerhin: Ich habe Kontakt bekommen zu anderen Menschen, die vorbehaltlos und ungezwungen mit mir als ehemaligen Strafgefangenen umgehen.

Vermisst habe ich im Sozialzentrum das Bemühen, genau zu schauen, welche Unterstützung ich wirklich brauche. Im Kern hätte es angestanden, mit mir eine neue berufliche Zukunft zu entwickeln. Als Erzieher werde ich mit meinem Führungszeugnis leider nicht mehr arbeiten können. Doch ich will arbeiten, will für mich selbst sorgen können.

Das Bewerbungstraining endet bald. Schon jetzt ist zu erkennen, dass ich anschließend nicht gleich in einem sozialversicherungspflichtigen Job untergekommen sein werde. Gleichzeitig weiß ich aber, dass meine Entlassung noch nicht so lange zurückliegt. Aus diesem Grunde bremse ich die Erwartungshaltung – sowohl meine eigene als auch die der Lieben um mich herum. Denn dass es irgendwann beruflich vorangehen wird, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Entscheidender ist im Moment das soziale Netzwerk aus Freunden und Familie, das mich hält und trägt und meinen Alltag in der wiedererlangten Freiheit lebenswert macht.

Text: Rainer (Vorname verändert), 40, war von Mai 2009 bis Sommer 2014 in Haft. Wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sieben Jahren verurteilt.