Veröffentlichung Ausgabe 226

Text 1

Familienschande

Als Robert in Haft kam, sagte sich seine Familie von ihm los

„Ich soll dir von deiner Mutter mitteilen, dass sie mit dir nichts mehr zu tun haben möchte“, stand neulich im Brief meiner Frau an mich. Weiter hieß es darin, dass meine Frau die Scheidung eingereicht hatte, meine Familie habe ihr dazu geraten. Und von meinem Bruder erfuhr ich kurz und knapp: „Ich habe keinen Bruder mehr.“

Meine Inhaftierung veränderte alles in einer Form, die ich mir vorher nie hätte vorstellen können. Andere Häftlinge erzählen mir, dass ihre Familien zu ihnen stehen. Sie bekommen Post von ihnen und Besuch, und ich bekomme nichts. Lediglich zwei Briefe mit Beschuldigungen sowie einen Besuch kann ich nach den ersten Monaten Gefängnis verzeichnen.

Ich wurde durch meine Taten zur Familienschande. Ausgestoßen wie ein Aussätziger, abgeschoben wie ein Flüchtling, weggeworfen wie Abfall. Wenn Die Mithäftlinge mir strahlend von ihren Besuchserlebnissen berichten, ist das für mich fast unerträglich. Ich kann diese Beschreibungen gar nicht mehr hören und kapsele mich in der Freistunde immer mehr ab. Das Glück und die Freude anderer Menschen sollen mir nicht zu nahe kommen.

Meine Familie stand früher bei mir immer im Mittelpunkt. Familienfeiern waren das Größte für mich; ich war der Meinung, dass eine Familie zusammenhält, egal was geschieht. Eines Besseren wurde ich schmerzhaft belehrt und stehe jetzt allein da.

Irgendwann wird sich die Gefängnistür auch für mich wieder öffnen, doch dann wartet wohl niemand auf mich. Ein beklemmendes Gefühl steigt schon jetzt bei dem Gedanken daran in mir hoch und sorgt für Angst und Traurigkeit. Wenn ein Teller kaputtgeht, dann ersetzt man ihn durch einen Neukauf. Im Falle eines Unfalls kann man den Schaden reparieren lassen, oder man kauft sich ein neues Auto. Meine Familie und meine Frau kann ich nicht einfach durch andere Menschen ersetzen oder ersetzen lassen. Ich kann sie in meinen Gedanken nicht so einfach verdrängen oder vergessen. Familie ist für mich kein Gegenstand, sondern ein Gefühl in Fleisch und Blut. Als ich vor Jahren drei Mal für die Bundeswehr ins Ausland ging, da lagen wir uns noch weinend in den Armen. Und nun meldet man sich nicht mal mehr persönlich bei mir.

Die Entscheidungen meiner Familie muss ich akzeptieren, auch wenn das schmerzt. Für mich bedeutet das, dass ich mir irgendwann ein neues Leben suchen muss. Nicht nur die Familie ist weg, auch das Zuhause, mein ganzes gewohntes Umfeld. Jetzt verstehe ich Menschen, die alt, allein, einsam sind. Ja, auch ich habe Angst davor und muss mir vornehmen, mich nicht von meiner Angst lähmen und einschüchtern zu lassen.

Meine Familie hat mich abgeschoben, aber vergessen werde ich sie nicht, ich werde immer an sie denken. Manchmal ändern Menschen ihre Meinung und denken anders als zuvor. Ich wünsche mir, dass auch meine Familie eines Tages ihre Meinung ändert.

Text: Robert (Vorname verändert), 39, wegen Betruges seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft

Veröffentlichung 2 Ausgabe 226

Text 2

Im Hier und Jetzt

Für Leon ist nicht wichtig zu wissen, warum ein Mithäftling eine lange Strafe verbüßt

Ich bin 26 Jahre alt und wegen Diebstahls in besonders schweren Fällen zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Seit November 2013 verbüße ich meine Strafe in der JVA Lübeck.

So langsam habe ich mich eingelebt, naja – so gut es den Umständen entsprechend möglich ist. Den Knastalltag versuche ich bestmöglich zu umgehen. Das bedeutet so viel wie: Ich versuche alles allein zu meistern. Ich möchte meinen Charakter nicht verschlechtern, damit mich meine Freundin oder die Familie später nicht kritisieren können. Deshalb halte ich mich auch so gut es geht von anderen Häftlingen fern.

Bis auf eine Ausnahme, Jens (Name verändert), mit dem ich die meiste Zeit zu tun habe. Er selbst ist mir durch sein höfliches und anständiges Verhalten aufgefallen. Anfangs waren es nur kurze Gespräche auf dem Flur zwischen uns. Meistens ging es um den Knastalltag oder Sport, Familie und so weiter. Nach einiger Zeit wurden die Gespräche persönlicher, wir haben dann auch unsere Freizeit meist zusammen verbracht.

Ich habe ihm, Jens, immer gesagt, dass ich nicht wissen wolle, warum er eigentlich im Knast ist. Was ich von Anfang an wusste, ist, dass er seit 1996 – also schon seit fast 19 Jahren – in Haft ist. In meinem Unterbewusstsein habe ich mir schon ausgemalt, dass es sich damals um eine sehr schwere Straftat gehandelt haben muss, zumal er voraussichtlich erst 2018 entlassen werden soll. Seine damalige Verurteilung lautete „Lebenslänglich mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld“. Dennoch gab es für mich keinen Grund, mit ihm nicht täglich zu tun zu haben. Bis zu einem gewissen Tag, an dem sich mein Verhalten vorübergehend etwas veränderte.

 An dem Tag ging ich wie gewohnt zum Kraftsport. In dem Kraftsportraum trainierten noch weitere Häftlinge, die sich während des Trainings über Jens unterhielten. Es ging dabei auch um seine Tat, die er begangen haben soll. Ich wollte das alles nicht hören, konnte die Gespräche aber nicht verhindern. Ob es wirklich der Wahrheit entspricht, was über Jens gesprochen wurde, weiß ich auch weiterhin nicht. Jedoch kamen nach diesem Aufenthalt im Kraftsportraum bei mir Jens gegenüber zunächst Zweifel auf. Er selbst hatte mir ja auch immer das Gefühl vermittelt, dass ich nichts wissen solle von den Gründen, warum er damals in Haft kam. 

Die nächsten Tage hat mich das Thema sehr beschäftigt. Ich wusste nicht, wie ich mit meinen Zweifeln umgehen sollte. Deshalb habe mich ihm gegenüber zunächst distanziert. Nach einigen weiteren Tagen habe ich dann jedoch den Kontakt zu Jens wie zuvor gesucht und gehalten. Ich selbst habe gemerkt, dass es für unseren Kontakt nicht wichtig ist, was damals war, sondern dass nur das Hier und Jetzt zählt. Sein sympathisches Verhalten mir gegenüber lässt mich vergessen, was er damals wohl getan haben könnte.

 Inzwischen denke ich, dass Jens deshalb nicht mit mir über seinen Haftgrund spricht, weil er einfach nicht möchte, dass ich mich ihm gegenüber aufgrund seiner Tat anders verhalte. Denn er sagte mir irgendwann auch, ich sei einer der wenigen Mitgefangenen, die ihn nie nach seiner damaligen Tat fragen.

Text: Leon (Vorname verändert), 26, ist seit November 2013 in Haft. Wegen Einbruchsdiebstahls zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt

Veröffentlichung 3 Ausgabe 226

Text 3

So vor Gott treten können, wie ich bin

Was dem Gefangenen Harvey der Gottesdienstbesuch im Gefängnis bedeutet

Seit zwei Jahren sitze ich im Gefängnis, fünf weitere habe ich schlimmstenfalls noch vor mir. Mir als gläubigem Christ sind die Gottesdienste sehr wichtig. Sie finden alle zwei Wochen statt, evangelisch und katholisch im Wechsel.

Die im Gefängnisalltag eher übliche Art des misstrauisch-vorsichtigen Umgangs miteinander ist während dieser Stunden deutlich spürbar geringer. Leider ist das Beisammensein meistens auf genau diesen zeitlichen Rahmen festgelegt, so dass ein spontaner Austausch untereinander oder mit dem Pastor so gut wie unmöglich ist. Aber Gesprächstermine mit den Geistlichen (zwei für etwa 400 Gefangene) und Gruppengespräche erweitern das Angebot. Alle Pastoren erlebe ich als äußerst freundlich und Anteil nehmend, Hilfe anbietend und Trost spendend. Sie sind sich der besonderen Situation bewusst, haben diesen Dienst aus Überzeugung gewählt und gehen mit uns „verlorenen Schäfchen“ sehr sensibel und einfühlsam um.

Zu welchem Teil der Gesellschaft gehöre ich jetzt noch, zu welchem werde ich später gehören können? Ich fühle mich ohne Wert, und dies scheint mir angesichts meines derzeitigem Aufenthaltsorts völlig berechtigt – viel mehr berechtigt noch aufgrund meines Verhaltens, das mich an diesen Ort, das Gefängnis, gebracht hat.

In der Kirche, während des Gottesdienstes habe ich wieder das Gefühl, ich selbst sein zu dürfen. Ich brauche mich nicht zu verstellen. Ich darf vor Gott treten, so wie ich bin, mit meinen Fehlern und Schwächen genauso wie mit meinen Fähigkeiten und Begabungen – so wie Gott mich gemacht hat. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass in letzter Konsequenz die Art wie ich bin, wie ich denke und fühle, wie ich rede und handle mit der Grund sind, warum ich hier bin. Aber vor Gott und mit ihm zusammen kann ich mich in der nötigen Weise verändern.

Das beginnt damit, dass ich meine Tat bedauere und mich entschuldigen möchte, hoffend auf die Vergebung seitens der Betroffenen. Dies scheint mir nur in der verbindenden und vergebenden Liebe Gottes möglich. Ich würde gerne all diese Gedanken mit anderen – innerhalb wie außerhalb – teilen, was sich oftmals als mühselig erweist. Es bedarf eines großen Potentials an Anteilnahme sowie der Bereitschaft, aufeinander einzugehen und einander verstehen zu wollen.

Dazu gehört auch, dass ich meinen Urteilsspruch als von Gott gegeben annehmen konnte. Es war mir vor einiger Zeit ein Bedürfnis, im Rahmen eines Gottesdienstes vor den dort Anwesenden Gott öffentlich zu danken und ihm die Ehre zu geben. Es kostete mich Überwindung und wirkt auch noch in der Erinnerung irgendwie befremdlich. Es war aber richtig und ist eine gute Erfahrung, denn es verbindet mich auf besondere Weise mit diesem Gott.

Diese Verbindung halte ich durch die Gottesdienste aufrecht und wünsche mir, dies stärker auch im Alltag leben und erleben zu können.

Text: Harvey (Vorname verändert), 51, ist seit August 2012 in Haft. Wegen Totschlags seiner Ehefrau zu sieben Jahren verurteilt