Veröffentlichung Ausgabe 238

Text 1:

Liebe JVA

Brief des Gefangenen Mika, dem die Haft bei seinem Neustart hilft

Die folgenden Zeilen fallen mir alles andere als leicht. Und ich habe lange mit mir gerungen, sie Dir –der JVA – mitzuteilen. Doch diese meine Gedanken, die ich nun niederzuschreiben versuche, gehen mir schon eine ganze Weile durch den Kopf, beschäftigen mich täglich und beeinflussen meinen Alltag in einem Maße, dass ich sie einfach loswerden muss und diesen wohl überfälligen Schritt hiermit nun gehe.

Nachdem wir uns bereits 2012 vier Monate lang kennengelernt und einvernehmlich wieder getrennt hatten, waren wir wohl beide der Meinung, dass die Chemie zwischen uns einfach nicht stimmte. Umso überraschter wirst Du gewesen sein, als ich im Mai 2013 wieder an deiner Tür geklopft habe. Du musst Dich doch gefragt haben, ob ich verrückt bin, oder? Es ist ja nicht so, dass unser bisheriges Zusammenleben nicht auch seine guten Seiten hatte. Ohne Dich wäre ich wohl niemals in der Lage gewesen zu erkennen, warum ich den Kontakt zu Dir und nun schon zum zweiten Mal gesucht habe. Denn mittlerweile kenne ich die Gründe. Ohne den tiefen Eindruck, den Du täglich auf mich machst, und ohne die Zeit zum Nachdenken, zu der durch mich nötigst, hätte ich den Zugang zu den Ursachen und somit die Möglichkeit der Aufarbeitung sicherlich nicht gefunden. Nun aber kann ich dem entgegenwirken, weiß auch, dass ich dabei Unterstützung finde und dass es keine Schande ist, diese auch anzunehmen. Ich hätte keinesfalls so viele verschiedene Menschen getroffen und nicht gelernt, mich mit ihnen zu arrangieren, so schwer es mir manchmal auch fällt. Aber auch ihnen bietest Du Obhut. Und ich will keinesfalls so egoistisch sein, Dich für mich alleine zu beanspruchen.

Der Alltag, den Du mir aufzwingst, hat bewirkt, dass ich mich über die kleinen Dinge des Lebens wieder freuen kann. Und er hat mir gezeigt, was kleinste Gesten gegenüber meinen Mitmenschen bewirken können. Du hast mir klargemacht, dass Glück nicht automatisch mit Geld verbunden ist und wie sehr meine Familie mich lieb hat und wie viel sie mir bedeutet. Meine angeblichen Freunde sind durch Deine Gegenwart abgeschreckt worden und haben den Kontakt zu mir eingestellt.

Mag das im ersten Moment auch negativ klingen, so kann ich dem tat-sächlich doch etwas Positives abgewinnen. Es ist ein natürliches Aussieben und eine Filterung. Ich sehe nun deutlich, welchen Wert diese alten „Freundschaften“ überhaupt hatten. Wie sonst hätte ich das besser herausfinden können? Du lehrtest mich, geduldig zu sein, meine Gefühle und Gedanken zuzulassen und sie achtsam zu registrieren, ohne sie gleich zu bewerten. Und dank Dir habe ich den Spaß und die Freude am Schreiben und Lesen wiedergefunden, wofür ich Dir wohl ewig dankbar sein werde.

Aber, und das muss ich Dir auch deutlich sagen: Du engst mich so sehr ein! Du lässt mir kaum Luft zum Atmen und verhinderst, dass ich zum Beispiel mit meinen Eltern einfach mal wieder allein dort spazieren gehen kann, wo und wann ich es möchte. Du kontrollierst mich auf Schritt und Tritt, sperrst mich in meinem Zimmer ein und liest sogar meine Post! Deine in dunkelblau gekleideten Launen bestimmen meinen kompletten Alltag, und wenn ich mal emotional reagiere, weil es mir ohnehin gerade nicht gut geht, drohst Du mir sofort mit einer Bestrafung. Ich aber habe es zu akzeptieren, wenn Du mal nicht gut geschlafen hast oder sonst wie unfreundlich bist. Widerworte meinerseits können dann zum Eklat führen. Du bestimmst was ich esse, welche Kleidung ich trage, wann und wie lange ich auf meinem Zimmer sein muss und auch, ob ich arbeite. Meine Wünsche und Ziele hörst Du Dir in den seltensten Fällen an. Du legst Regeln und Leitlinien fest, wie unsere Beziehung auch längerfristig funktionieren könnte und sollte. Und nachdem ich meinen Teil der Abmachung eingehalten habe, hältst Du Dich zu oft nicht einmal selber daran.

Ist das Deine Definition einer gesunden Beziehung? Wie soll das mit uns so funktionieren, frage ich Dich? Sei mir bitte nicht böse, und ich glaube, das Du aufgrund meines veränderten Verhaltens und meiner Einstellung auch schon ab und an geahnt hast, dass dieser Moment kommen würde: Ich glaube, dass es an der Zeit ist, dass wir eine endgültige Trennung vorbereiten und langsam auch vollziehen. Wir sollten uns dann nie wieder sehen. Ich bin mir sicher, von den Erlebnissen unserer Beziehung profitieren zu können und werde die positiven Aspekte unseres Zusammenlebens nicht vergessen. Das verspreche ich Dir. Bitte geh in Dich und überleg Dir ganz genau, ob Du mich überhaupt noch brauchst oder ob wir nicht beide glücklicher wären, wenn wir getrennte Wege gehen. Bestimmt werde ich immer mal wieder schauen, wie es um Dich steht. Wenn auch nur aus sicherer Entfernung und ohne dass Du mich siehst.

Dein Mika

Text: Der 32-jährige Gefangene Mika (Vorname verändert) wurde zu fünf Jahren verurteilt. Inzwischen konnte er in den Offenen Vollzug wechseln und draußen eine Ausbildung beginnen.

 

Veröffentlichung 2 Ausgabe 238

Text 2:

Wiedersehensfreude trifft Abschiedsschmerz

Der wöchentliche Besuch seiner Lebensgefährtin ist die Zeitrechnung von Ben

Ich stelle das Duschbad zurück in das oberhalb der Toilette angebrachte buchenfarbene Wandregal, das meinen karg eingerichteten Haftraum etwas wohnlicher erscheinen lässt. Es ist Samstagmorgen, der einzige der Tag der Woche, an dem ich genau dieses Duschbad benutze, welches ich schon bei meinem Strafantritt in der JVA Lübeck bei mir hatte. Mein Baby – wie ich meine Lebensgefährtin manchmal nenne – mochte den Duft immer so gerne und mag ihn auch weiterhin. Und während ich nun dieses Duschbad zurück hinter das gewöhnliche Alltagsduschbad stelle, ziehen sich meine Mundwinkel nach oben zu einem breiten Lächeln; gleich kommt meine Liebste, um mich hier zu besuchen.

Jeden Samstag kommt sie für eine Stunde, das ist die maximal erlaubte Besuchszeit dieser Anstalt – vier Stunden pro Monat. Besuch ist hier meine Zeitrechnung; ich denke immer von Samstag zu Samstag. Das hilft mir psychisch enorm, jede einzelne Woche zu überstehen. Da stehe ich nun also, frisch geduscht. Jetzt noch schnell eine Zigarette, um die Wartezeit zu verkürzen, und dann höre ichauch schon meinen Namen aus einem Lautsprecher schallen. Da ich zum Besuch nichts mitnehmen darf, lasse ich noch die Leibesvisitation über mich ergehen – und los geht es mit sechs anderen Häftlingen in Richtung Besucherraum.

Bis zum Erreichen des Besucherraums, der in Wahrheit eine Turnhalle ist, vergehen zwei bis drei Minuten. Der sonst übliche Smalltalk zwischen uns Häftlingen findet in dieser Zeit nicht statt. Jeder ist in sich gekehrt, mit seiner Vorfreude beschäftigt oder zupft sich noch mal seine Anstaltskleidung zurecht, um einigermaßen vernünftig auszusehen. Am Ziel angekommen lasse ich meinen Blick schweifen, um schnell den einen der rund 40 Tische zu erfassen, an dem meine Liebste bereits auf mich wartet. Ihre blauen Augen strahlen mich mit so überwältigender Kraft an, dass es mir leichtfällt, sie schnell unter den vielen anderen Besuchern auszumachen. Wir nehmen uns in die Arme, flüstern uns begrüßende Worte ins Ohr, und während mir der Duft ihres Parfums in die Nase steigt, stelle ich fest, wie glücklich mich dieser Moment aufs Neue macht. Dann nehmen wir Platz. Ich an der Tischseite, die mit einem aufgeklebten roten Punkt markiert ist. Sie darf an der Tischseite Platz nehmen, die ein Über-Eck-Sitzen ermöglicht, um uns so nah wie möglich sein zu können. Wir umarmen uns erneut. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie schwarze Leggins und eine schwarze Lederjacke trägt. Sie weiß, wie bezaubernd ich es finde, wenn sich ihr blondes Haar kontrastreich von einem dunkelfarbigen Oberteil abhebt und macht mir jeden Samstag wieder diese Freude.

Welcher Kontrast dazu meine Kleidung: Der einst dunkelgrüne Anstaltspullover sieht nach jeder Wäsche eine Nuance heller aus. Wie befreiend sie bei dieser Feststellung wieder lachen kann, denke ich, während sie ihren Kopf nach hinten wirft, den Blick auf ihre glitzernden Zähne freigibt und sich den feuchten Glanz aus den Augen wischt. Unseren Humor, der zugegeben manchmal auch ein recht schwarzer ist, haben wir uns von Anfang an nicht nehmen lassen. Doch warum lange mit banalen Dingen wie Kleidungsfragen beschäftigen, die angesichts unserer schwierigen Situation so klein und unwichtig erscheinen? Wichtiger ist, der anderen Person aus dem Alltag zu erzählen und sie so trotz der Mauern zwischen uns am jeweiligen Leben teilhaben zu lassen. Diese eine Stunde pro Woche gehört nur uns beiden; wir ziehen viel Kraft daraus. Und so nimmt auch dieser Besuch einen sehr humor- und liebevollen Verlauf, bis einer der Beamten auf unseren Tisch zuschreitet, um uns das Ende der Besuchszeit mitzuteilen.

Die Augen meiner Liebsten weiten sich jetzt enorm und drücken ihr Entsetzen darüber aus, dass die sechzig Minuten wie im Fluge vergangen sind. Doch die Zeiger auf ihrer Armbanduhr lügen nicht, wie wir mit einem Blick enttäuscht feststellen müssen.

Schweren Herzens erheben wir uns, sie greift nach meiner Hand und ich bringe sie zu der Tür, die sich erst in einer Woche erneut für sie öffnen wird. Ein letztes Mal an diesem Tag nehme ich ihr warmes Gesicht in meine Hände und wir verabschieden uns mit einem langen Kuss. Der Rückweg in mein Hafthaus, zusammen mit denselben sechs Häftlingen von vorhin, ist noch stiller als der Hinweg. Die einen lächeln zufrieden, andere wiederum sehen verdammt traurig aus. Ja, denke ich, es ist schon ein groteskes Gefühl, wenn Wiedersehensfreude und Abschiedsschmerz innerhalb so kurzer Zeit aufeinandertreffen und miteinander klarkommen müssen. Auch mir fällt das nicht leicht.

In meiner Zelle zünde ich mir eine Zigarette an und lasse die vergangene Stunde noch einmal Revue passieren. Dann gehe ich zum Anstaltstelefon, rufe sie an und begleite sie fünf Minuten auf ihrem Heimweg. So wie jeden Samstag.

Text: Ben, 44 (Vorname verändert). Seit Ende 2014 in Haft, zu fünf Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Veröffentlichung 3 Ausgabe 238

Text 3:

So wie damals

Was es Ronny bedeutet, dass sein früherer Chef weiter an ihn glaubt

Es gibt sie doch noch – Menschen, die in mir auch das Positive sehen und nicht nur den Straftäter. Menschen, denen ich nicht egal bin. Einer davon ist mein früherer Arbeitgeber. Gut zehn Jahre lang habe ich in seiner Firma als Fahrer gearbeitet, bis ich vor knapp fünf Jahren in Haft kam. Trotzdem hielt mein Chef zu mir, damals und – wie ich jetzt weiß – auch heute.

Damals: Nach meiner Inhaftierung ließ mein Chef mein Hab und Gut aus der aufgelösten Wohnung abholen und in seiner Firma einlagern. Das nahm mir eine erste Last von den Schultern; ich hätte sonst nicht gewusst, wohin mit all den Sachen. Jetzt, knapp fünf Jahre später und ohne in der Zwischenzeit weiteren Kontakt zu meinem früheren Arbeitgeber gehabt zu haben, stand ich vor der Aufgabe, meine Sachen von damals im Rahmen einer Ausführung aus der JVA zu sichten, um einen kleinen Teil an mich zu nehmen.

Ängste, auch Übelkeit kamen vorab bei dem Gedanken daran auf. Ich musste ja bei der Firma anrufen und einen Termin vereinbaren. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf: Wie würde man dort reagieren, wenn ich mich melde? Kennen sie mich dort überhaupt noch und sind meine Sachen weiterhin eingelagert? Deshalb verschob ich den Anruf zunächst von einem Tag auf den anderen. Schließlich gab ich meinem Herzen einen Stoß und rief an. Und alles war plötzlich anders als zuvor befürchtet.

Die Chefsekretärin erinnerte sich sofort an mich: „Mensch Ronny, wie geht es dir? Lange nichts mehr gehört von dir.“ So plauderten wir, als ob die Zeit stillgestanden hätte. Alles war so vertraut, als ob ich nie weg gewesen wäre. Sie sprach mit mir, als gehörte ich immer noch zur Firma und wäre kein

Straftäter; sie verurteilte mich in keiner Weise. Und sie gab mir schließlich die Telefonnummer des Chefs, der gerade im Ausland im Urlaub war. Ihn anzurufen, kostete mich noch mehr Überwindung und verursachte zusätzliche Panik. Doch obwohl dieses Auslandstelefonat auch ihm Kosten bereitete, sprach er sofort locker und freundlich mit mir. Auch er erkundigte sich danach, wie es mir ergehe. Und er sagte mir, dass er mich immer als freundlichen, fleißigen und zuverlässigen Mitarbeiter geschätzt habe.

Wenn ich irgendwann in den Freigang käme, könne ich mich sofort bei ihm melden wegen einer neuen Arbeitsstelle. Meine Straftat sei zwar eine Seite von mir, aber er kenne und schätze auch die andere. Ja, ich habe großen Mist gebaut und bin deshalb im Gefängnis. Aber ich arbeite an mir und mache eine Therapie.

Ich versuche zu verstehen, wie ich zum Straftäter werden konnte und wie ich das in Zukunft verhindern kann. Ich arbeite an einer zweiten Chance, und die möchte mir mein früherer Chef geben. In Begleitung von Justizbeamten habe ich dann meine frühere Firma aufgesucht, um einige meiner alten Sachen an mich zu nehmen. Eine Stunde Zeit hatte ich für diesen Besuch nur, aber es tat gut zu erleben, dass mich auch meine alten Kollegen herzlich empfingen und wir ein paar Worte wechseln konnten. Das alles liegt inzwischen ein paar Wochen zurück, aber die Eindrücke wirken weiter bis heute.

Dabei geht es weniger um meine alten Sachen, von denen ich jetzt ein paar wieder bei mir habe. Das Schönste ist einfach, dass mir Vertrauen gegeben wurde und dass andere Menschen auch das Gute in mir sehen. Das macht mir Mut, nach der Haft wieder ein geregeltes Leben führen zu können. Ich wünschte, mehr Chefs wären ähnlich vorurteilsfrei wie mein früherer und würden Gefangenen nach der Haft eine zweite Chance geben. Die meisten Knackis wären dankbar dafür und würden diese Chance ganz sicher nutzen.

Text: Ronny (Vorname verändert), 39. Seit Anfang 2011 in Haft und zu sieben Jahren und drei Monaten verurteilt.

Veröffentlichung 4 Ausgabe 238

Text 4:

Tür zu

Warum Elvis in der Haft keine Angst mehr vor dem Einschlafen hat

Die Tür meines Kinderzimmers musste immer einen Spalt breit geöffnet bleiben, nachdem meine Eltern mir Gute Nacht   gesagt hatten. Zum einen habe ich so immer mit einem Ohr das Geschehen meiner Eltern im Wohnzimmer hören können, zum anderen hatten die Lichtkegel an Wänden und an der Zimmerdecke eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich hatte Angst davor, bei einer geschlossenen Tür und in absoluter Dunkelheit den Weg in die Schlaf- und Traumwelt zu beschreiten.

Auch als Erwachsener – weit weg von meinen Eltern und wo mir nichts anderes übrig blieb, als nach Betreten oder Verlassen meiner ersten eigenen Wohnung die Türen hinter mir zu schließen – kannte ich Ängste. Während der Nächte in meiner einsamen Studentenkellerwohnung brauchte ich immer Musik zum Einschlafen, damit die traurige Ruhe keine zu starke Beklommenheit auslösen konnte. Albträume, Visionen verbunden mit Gefühlen von Einsamkeit und Tod ereilten mich gelegentlich. Der größte Trost bestand darin, dass ich immer noch die Macht über meine Türen hatte. Die Schlüsselgewalt. Ich konnte immer raus.

Jetzt sitze ich in einer Gefängniszelle. Die Tür ist meistens zu. Ich habe keinen Schlüssel. Keine Klinke ziert die der Zelle zugewandte Türseite. Niemand lässt die Tür einen Spalt offen, damit ich Lichtkegel beobachten kann. Erstaunlicherweise  habe ich in diesem engen Raum ohne Selbstständigkeit meinen längst verloren geglaubten Glauben wiedergefunden. Endlich kann ich vor dem Einschlafen wieder beten. Und ich habe das Gefühl, eine vergangene Verbindung neu geknüpft zu haben.

Die Tür meiner Gefängniszelle ist zu. Ich bin allein. Aber die Quelle meiner Glückseligkeit, der Inbegriff von Hoffnung auf Frieden, die Gelassenheit in der Akzeptanz der Situation habe ich hier wiedergefunden. Und das führt dazu, dass ich jetzt keine Angst mehr vor dem Einschlafen habe. Denn meine Zellentür schirmt sämtliche Alltagsbelastungen für mich ab.

Text: Elvis (Vorname verändert), 37. Seit Januar 2015 in Haft. Zu vier Jahren verurteilt.