Veröffentlichung Ausgabe 249

Verstörende Schlaglichter auf frühe Momente

Daniel beging vor sieben Jahren einen Mord. Jetzt hat der 45-Jährige in der HEMPELS-Schreibwerkstatt in der JVA Lübeck Texte über sein Leben lange vor der Tat geschrieben

Einleitender Text: Redaktionsleiter Peter Brandhorst

Seit 2011 führt HEMPELS in der JVA Lübeck und gemeinsam mit der Anstalt eine Schreibwerkstatt für Langzeitgefangene durch. Die Teilnehmer werden dabei ermutigt, sich schreibend mit eigenen Emotionen auseinanderzusetzen. Eine Auswahl entstandener Texte wird regelmäßig in HEMPELS veröffentlicht. In der Ausgabe 249 wurden erstmals ausschließlich Texte eines einzelnen Gefangenen veröffentlicht.

Daniel, wie er hier genannt werden soll, ist 45 Jahre alt, seit früher Jugend schwer drogenkrank und hat vor sieben Jahren in Kiel einen Menschen getötet, als er zur Finanzierung der Sucht bei einem Überfall Geld rauben wollte. Vom Landgericht wurde er dafür wegen Mordes zu Lebenslänglich verurteilt.

Zur Schreibwerkstatt kam der Gefangene Daniel erstmals im Sommer 2015. Anfangs fiel es ihm erkennbar schwer, sich regelmäßig auf die Diskussionen in der Gruppe zu konzentrieren. Mal nahm er an den Treffen teil, mal nicht. Wenn er teilnahm, konnte er seine innere Unruhe und Zerrissenheit – auch als Folge langjährigen Drogenkonsums – nicht verbergen; die Angst davor, sich mit seinen Gedanken in der Gruppe zu öffnen, schien zunächst Teil von ihm zu sein.

Inzwischen hat er es im Knast mit therapeutischer Hilfe geschafft, jetzt auch ohne das Substitutionsmedikament Polamidon leben zu können. In der Schreibwerkstatt sind mittlerweile etliche Texte von ihm entstanden, und mit jedem neuen Text und den Rückmeldungen dazu aus der Gruppe ist auch sein Selbstvertrauen gewachsen. »Mir tut diese Aufgabe gut», hat er kürzlich gesagt, »ich sehe das als Chance, mein Leben aufzuarbeiten.«

Daniels Texte sind ausnahmslos kurz und in einfacher Sprache gehalten. Sie beschreiben kleine Momente seines Lebens lange vor der Tat, wegen der er jetzt im Knast sitzt. Karg und nüchtern werden Situationen beschrieben, selten ein Wort zu viel, meist ohne Wertung oder Rechtfertigung des Geschehenen und auch ohne Schuldzuweisung an andere. Häufig wirken diese lakonischen Schlaglichter auf ein schon früh erkennbar aus der Bahn laufendes Leben verstörend; dann wieder irritiert, dass da offenbar niemand war, der rechtzeitig Stopp gerufen hätte.

Daniel stammt aus Hamburg-Billstedt, aus einer Siedlung mit vielen sozialen Problemen. Die Eltern lassen sich scheiden, als er fünf Jahre alt ist. Zusammen mit seiner Schwester wächst er bei den Großeltern auf; der Junge muss in der engen Wohnung mit Oma und Opa in einem Bett schlafen und darf keine Freunde mit nach Hause bringen. Zur Mutter gibt es keinen Kontakt, auch der arbeitende Vater kümmert sich nur sporadisch um den Sohn.

Ihn, der weiterhin das Sorgerecht hat, interessiert nicht, ob der Sohn zur Schule geht.  Grenzen werden nicht aufgezeigt, ein paar Jahre lang ist nur wichtig, dass der Junior regelmäßig zum Fußball-Training geht. Der Vater hat die Vorstellung, sein Sohn besitze das Talent für eine spätere Karriere als erfolgreicher Profi. Als pubertierender Jugendlicher kann davon nicht wirklich mehr die Rede sein, Daniel ist bereits spielsüchtig und beginnt mit 13 Jahren Haschisch auszuprobieren.

Schon vorher, mit elf, war er erstmals an einem Einbruch beteiligt. Dennoch schafft er den Hauptschulabschluss, beginnt eine Ausbildung als Stahlbauschlosser, schmeißt die aber bald wieder hin. »Als ich mir mit 17 eine Nase Heroin reingezogen habe«, sagt er heute, »hatte ich das erste Mal im Leben das Gefühl, das gefunden zu haben, wonach ich vorher immer gesucht hatte. Ich wurde plötzlich ruhig; vorher war ich immer unruhig und aggressiv.« Heroin und Kokain werden zu seinen Suchtmitteln, manchmal braucht er täglich mehrere Hundert D-Mark, um sich den Gebrauch  finanzieren zu können.

Daniel bricht in Kioske und Kneipen ein, knackt Autos, dealt selbst mit Drogen. Einige Male landet er im Knast, drei Mal versucht er auch eine Therapie, schließt aber keine ab. Die letzte Therapie beginnt er in einer Schleswig-Holsteinischen Einrichtung, nach dem Aus kommt er nach Kiel. Dort dann der Mord. »Ich wollte den Überfall gewaltfrei machen«, sagt Daniel heute. Dann sagt er noch: »Ich bin ja nicht von Grund auf ein schlechter Mensch. Wer schon mal Kokain genommen hat, der weiß, wovon ich rede.«

Die ersten Male: Sechs Geschichten aus Kindheit und Jugend

Text: Daniel (Vorname geändert), Gefangener der JVA Lübeck

1. Unterwegs im geklauten Auto

Ich war mit K. unterwegs, 19 muss ich damals gewesen sein. Eine Woche vorher hatten wir uns einen Opel GSI geklaut und waren nun von Hamburg bis Ratzeburg gefahren. K. ist gefahren, er war vorher schon öfter Fluchtfahrer. In Ratzeburg haben wir eine Tankstelle gefunden, die schon zu war.

Wir parkten das Auto, nahmen einen Kuhfuß und einen großen Schraubenzieher mit. Wir brachen das Fenster auf und kletterten rein. Ich ging nach vorne – Kasse checken, Geldbombe gucken, Zigaretten und Alkohol in Müllsäcke. Alles war gut gelaufen. Unser Auto war mit Zigarettenstangen und Wodka-Kartons voll, und alles war von außen sichtbar.

Auf dem Rückweg nach Hamburg fuhr ein aufgemotzter Audi 80 mit Fuchsschwanz an der Antenne an uns vorbei – Gott sei Dank. Denn circa zwei bis drei Kilometer weiter sehe ich ungefähr fünfhundert Meter vor uns eine Polizeikontrolle. Ich bekam den Adrenalin-Schub meines Lebens und habe gebetet. K. wollte schon Gas geben und durchfahren. Doch ich sagte zu ihm: Bleib ruhig. Gott sei Dank ist K. ruhig geblieben; ich glaube, er hatte sogar einen offenen Haftbefehl. Plötzlich wurde der Audi kontrolliert und wir wurden einfach durchgewunken.

Circa zehn Kilometer weiter sind wir dann an den Straßenrand gefahren, fast ins Kornfeld, und haben uns erst mal einen Cocktail gemacht, Heroin mit Kokain in einer Spritze. Dann haben wir einen Joint geraucht und sind zu unserem Hehler gefahren und haben alles verkauft für circa 3500 D-Mark. Die haben wir dann auf St. Pauli mit Nutten verfeiert. K. und ich haben uns am Tag danach aus den Augen verloren. Bis heute frage ich mich, was aus ihm geworden ist. Keine Ahnung.

2. Erste Erfahrungen mit Glücksspiel

Ich war mit meinem Vater nach dem Fußball mal wieder in unserer Stammkneipe; ich war ungefähr sieben oder acht Jahre alt. Mein Vater trank Bier und Korn und ich spielte mit dem Rottweiler der Besitzerin. Irgendwann bekam ich von einem Gast, von Onkel G., fünf Mark geschenkt. Die habe ich dann in den Daddelautomaten geschmissen und irgendwelche Knöpfe gedrückt. Damals kostete ein Spiel 30 Pfennig.

Auf einmal spielte der Automat eine Melodie, und ein bisschen später kamen viele 5-, 2-, 1-Mark- und 10-Pfennig-Stücke raus. Mein Vater drehte sich am Tresen um und schrie: »Leute, Leute, mein Sohn hat den Jackpot geknackt!« Einige haben ihm dann zugerufen, »dein Sohn schmeißt jetzt aber ne Runde!« Aber ich bin gleich zu Oscar, dem Rottweiler und habe Geldtürme gebaut. 183,50 Mark hatte ich gewonnen, das werde ich nie vergessen. Ich fühlte mich so gut dabei; ich kam mir vor wie ein reicher Mensch. Zum Glück durfte ich mit dem Geld machen, was ich wollte. Ich habe mir neue Fußballschuhe für die Halle gekauft. Als Erwachsener habe ich später noch ganz oft Glücksspiele gespielt und dabei viel Geld verloren.

3. Mein erster Joint

Ich und H. waren auf dem Weg ins Freibad. Wir waren 13 Jahre alt. H. hatte Haschisch dabei und meinte zu mir, dass wir auf ner Wiese ne Pause machen und einen rauchen sollten. Ich wusste zwar, dass es Haschisch gibt, hatte es aber noch nie geraucht. Als H. das sagte, war ich erst dagegen, weil ich ja aktiv in der B-Jugend-Leistungsklasse Fußball spielte und noch den Traum hatte, Profi zu werden.

Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe mich überreden lassen. Anschließend war ich so breit, dass ich nicht mehr laufen konnte. Ich habe mich auf den Rasen gelegt und hatte voll den Flash. Ich bin dann eingeschlafen und hatte einen Traum, über den ich heute noch oft nachdenke. Im Traum hatte ich das Gefühl, dass etwas aus meinem Körper herausgenommen wurde. Das Gefühl war, dass Gott sich meine Seele geholt hat, um sie aufzubewahren. Damit ich in den Himmel komme.

Weil, damals hatten wir uns schon entschieden, kriminell zu werden, wenn wir groß sind. Damals ahnte ich noch nicht, was mir alles in diesem Leben noch bevorsteht. Schule war unwichtig, wir wollten sowieso Einbrecher werden. Hauptsache Geld, coole Klamotten, ne Goldkette und ein Armband. Wir fühlten uns gut, über die Zukunft haben wir gar nicht nachgedacht. Und wo der Weg hingeführt hat, sieht man ja heute. Heute bin ich der Meinung, dass mein Weg vorbestimmt war.

4. Mein erster Schuss Heroin

1990 in Hamburg-Billstedt. Ein paar Kollegen und ich; einige konsumierten Heroin, manche nicht. Auf jeden Fall haben wir den Drogenmarkt beherrscht, was den Verkauf von Kleinmengen von Cannabis und Heroin betraf. Mir ging’s finanziell gut, ich war gerade 18 und wohnte schon mit meiner ersten großen Liebe zusammen, mit meiner Maus. Damals rauchte ich nur Cannabis und Heroin, wovon das Gramm 350 Mark kostete; als Kleindealer hab ich es für 150 Mark bekommen.

Wir Raucher haben die Leute, die fixten, von oben herab angeschaut. Aber eines Tages hatte ich nichts mehr zu rauchen. Na ja, ich hab dann G. angerufen, einen Fixer, und ihm gesagt, ich brauche was. Ich hab dann mein Blech Heroin geraucht – Heroin auf Alufolie –, aber mir ging‘s nicht besser. Also holte ich noch ein kleineres Päckchen für 50 Mark und habe dann zu G. gesagt, dass ich es nicht rauchen will, sondern dass er mir auch einen Schuss setzen soll. Zuerst habe ich den Arm zwei Mal weggezogen, doch dann habe ich mich darauf eingelassen und mir die Nadel in den Arm jagen lassen. Als ich irgendwann die Einstiche nicht mehr verbergen konnte, ist meine Maus zusammengebrochen. Aber da war es zu spät; die Würfel waren gefallen, und zwar gegen mich.

5. Die Sache mit den beiden Katzen

Ich war 18 Jahre alt und habe mit meiner Freundin zusammengewohnt. Sie hat keine Drogen konsumiert, ich aber habe damals Blech geraucht – Heroin auf Alufolie. Jedenfalls wollte meine Freundin unbedingt eine Katze, ich aber nicht. Eines Tages brachte sie eine kleine Katze mit.

Die Katze war schwarz und wir nannten sie Mimi. Na ja, auf jeden Fall wollte das Schicksal es so, dass wir bald noch eine zweite bekamen, einen jungen Kater. Er war braun-weiß wie Garfield und super lieb. Wenn ich Besuch bekam, hat er am Ohr genuckelt. Der Kater wurde groß und ich nannte ihn Tiger.

Eines Tages wurden wir zu einer Party eingeladen. Ich habe vorher noch bei mir zu Hause mit B. ein Blech geraucht und dann 15 Gramm Heroin – damals ein kleines Vermögen – und 1500 D-Mark in der Wohnung versteckt. B. wusste, dass ich gestopft war – aber egal. Auf der Party habe ich dann Zahnschmerzen bekommen und wir sind mit dem Taxi nach Hause. Meine Haustür war nur angelehnt und in der Wohnung war alles durcheinander. Ich war geschockt, weil ich dachte, jetzt ist mein ganzes Kapital weg und jetzt biste pleite. Aber alles war noch da.

Aber weil die Einbrecher nichts gefunden hatten – heute glaube ich, B. war einer von ihnen –, haben sie meinen Kater mit dem Kopf ins Fenster geklemmt. Mimi, unsere andere Katze, haben wir völlig verstört in einem Schrank gefunden. Ich musste dann erst mal meine Freundin beruhigen, und dann habe ich den toten Kater begraben und mir ein Blech reingezogen. Hätten die Einbrecher doch lieber alles Heroin und Geld gefunden, aber das Schicksal meinte es anders.

6. Mein erster Einbruch

Mit elf Jahren haben mich die Großen das erste Mal zum Einbrechen mitgenommen.Es war ein Einbruch in einen Kiosk wegen Zigaretten. Ich saß in einem großen Baum und sollte aufpassen, falls Polizei kommt. Ich hörte die Kiosktür aufknallen und sah,wie ein paar Lichter in den umliegenden Wohnungen angingen. Es war 2:30 Uhr nachts, dann war Stille. Die Lichter gingen wieder aus und ich habe zu Gott gebetet. Vor Angst habe ich mir fast in die Hose gemacht. Lange Rede, kurzer Sinn: Als alles erledigt war, kam ich nicht mehr runter vom Baum und hatte meinen Namen vergessen. Ein Älterer sagte: »Spring die zweieinhalb Meter runter.« Er hat mich aufgefangen. Da hatte ich das erste Mal Vertrauen zu einem anderen Menschen gefasst! 25 Stangen Zigaretten á drei oder 3,50 Mark die Schachtel waren mein Anteil. Für einen elfjährigen Jungen viel Geld.