Herzensmusik01.03.10

Von: Pascal Brügge, Jan Lohmann

Foto: Steffen Müller

Straßenmusiker aus der früheren Sowjetunion gehören in deutschen Städten längst zum gewohnten Alltagsbild. Eine Reportage über eine selbstbewusste Künstlerin aus St. Petersburg.

 Es ist ein kalter und verschneiter Spätwintertag,an dem wir Irina in der FußgängerzoneKiels treffen. Die 51-Jährige,die sich als Namenszusatz den KünstlernamenZhaleika gegeben hat, stehtmit ihrer Gitarre unter einem Vordachund singt russische Folklorelieder. Hinund wieder bleiben Passanten kurz stehen,um ihrer Musik zu lauschen oderetwas Kleingeld in den Gitarrenkastenzu legen. Dann nickt die Straßenmusikerinund dankt lächelnd.

Irina erzählt gerne aus ihrem Leben. Ursprünglichkommt die lebensfrohe Frauaus St. Petersburg. Doch schon seit demJahr 1992 macht sie sich für jeweilsdrei Monate im Jahr auf die Reise nachSchleswig-Holstein, um als Straßenmusikerinin verschiedenen Städten aufzutreten.„Inzwischen habe ich hier imLand viele Bekannte und Freunde“, erklärtsie uns. Während ihrer Gastspielreisetrifft sie viele andere Straßenmusiker,die häufig auch aus Osteuropakommen. „Eine richtige Gemeinschaftgibt es unter uns nicht, aber viele kennensich“, erzählt Irina. Meist kommeman gut miteinander aus. Die Regel beider Arbeit auf der Straße sei, dass jederhöchstens vierzig Minuten an einemPlatz spiele. Dann mache man Platz fürKollegen.

Warum viele Musiker aus der ehemaligenSowjetunion in deutschen Innenstädtenanzutreffen seien, wollenwir wissen. Etliche hätten Bekannte inDeutschland, antwortet Irina, einigekönnen deshalb umsonst wohnen, anderebezahlen fünf bis zehn Euro pro Tagoder schlafen im Auto. Sie selbst habeGlück und übernachte bei Freunden.Und warum tritt sie im winterlichenSchleswig-Holstein auf, warum nicht inwärmeren Städten wie Rom oder Madrid?Nach Kiel benötige sie mit derFähre nur zwei Tage. Außerdem, so Irina:„Die Menschen hier im Norden sindgut zu uns Straßenmusikern, sie helfenund organisieren sogar Konzerte in Kirchenoder Altersheimen.“

Wenn sie in Kiel ist, fährt sie jedenFreitag nach Rendsburg, um an einemVolkstanzkurs teilzunehmen: „Einmalsind wir mit der Gruppe auch schon inSt. Petersburg gewesen. Ich organisiertedamals ein Seminar für russische Choreographiestudentenüber Volkstänze inSchleswig-Holstein.“ Musik und Kultursind einfach fester Bestandteil ihresLebens. Ein großes Hobby der 51-Jährigen,die in ihrer Heimat Regietheaterund Choreographie studiert hat, sindneben der Musik auch Theaterbesuche –im Jahr 2008 bekam sie sogar einmal dieGelegenheit, als Choreographin an einerTheateraufführung mitzuwirken.

Dass sie, die studierte Künstlerin, nichtin ihrem erlernten Beruf als Choreographinarbeitet, erklärt sie mit der schlechtenArbeitsmarktsituation in Russland.So wie viele andere russische Hochschulabsolventenhabe sie sich dazuentschlossen, im Ausland Straßenmusikzu machen. Sieben weitere Monate einesJahres arbeitet sie zudem als Chefanimateurinin einem Hotel in der Türkei.Viel Geld verdiene sie mit der Straßenmusiknicht. „Ich spiele zwar auch fürGeld“, sagt die 51-Jährige, „aber ichspiele vor allem mit meinem Herzen undbin zufrieden.“ Wenn doch mal ein paarEuro übrig seien, bringe sie den Menschenin ihrer Heimat auf Flohmärktengekaufte Sachen mit: „Denen geht esnoch schlechter als mir.“

Auffallend ist, wie flüssig sich Irina mituns auf Deutsch unterhalten kann - ohneje einen Deutschkurs besucht zu haben.„Ich habe die Sprache durchs Hören gelernt.Sie gefällt mir, ich schaue gerneFilme in deutscher Sprache, unterhaltemich mit den Menschen hier und leseZeitung.“ Und sie beherrscht nicht nurdie fremde Sprache. Neben Gitarre spieltsie Piano, Domra, Balalaika, Akkordeonund Zhaleika – ein Holzblasinstrument,das als Vorlage für ihren Künstlernamendiente. Als 16-Jährige habe sie sichselbst Gitarrespielen beigebracht, „weilich die Beatles sehr mochte.“ Im Laufeder Zeit kamen immer mehr Instrumentehinzu, welche sie dann im Orchester derrussischen Volksinstrumente spielenlernte. Als Studentin habe sie auf HochzeitenZiehharmonika gespielt: „Fürzwei Tage auf der Hochzeit bekam icheinen Sack Kartoffeln, Speck, gesalzeneGurken oder Pilze und Marmelade – imStudentenwohnheim haben wir darausimmer ein Festmahl gezaubert.“

Demnächst reise sie wieder nach St. Petersburgzurück, wo sie weiterhin vieleBekannte habe, erzählt Irina uns zumSchluss. Ihre beste Freundin sei dortDirektorin einer Schule. Auf jeden Fallwill die 51-Jährige bald erneut nachDeutschland kommen. Dann wird siewieder in den Fußgängerzonen Schleswig-Holsteins unterwegs sein und dieMenschen mit ihrer Musik erfreuen.„Vielen Dank an alle Leute, die mir eineSpende geben“, sagt sie rasch noch undmacht sich mit ihrer Gitarre auf denWeg zum nächsten Straßenkonzert.

Die Autoren, 23 und 22 Jahre alt, hat dieLeidenschaft beeindruckt, mit welcherdie Straßenmusikerin Irina ihrer Kunstnachgeht und dabei zugleich Anteil amgesellschaftlichen Leben in Schleswig-Holstein nimmt