Benefiz-Konzert zugunsten der Kieler Wohnungslosenhilfe: Interview mit Max Mutzke08.03.18

Foto: Nils Müller

Sänger und Songwriter Max Mutzke wurde 2004 durch eine Casting-Show und seine anschließende Teilnahme beim Eurovision Song Contest bekannt. Seine Single "Can’t Wait Until Tonight" schaffte den Direkteinstieg auf Platz eins der deutschen Charts. Am 24. März spielt er ein Benefiz-Konzert zugunsten der Kieler Wohnungslosenhilfe. Jonas Czok von der Diakonie Schleswig-Holstein hat mit ihm über Pfandsammler, Flughäfen und Wohnungslosigkeit gesprochen.

Diakonie: Moin Herr Mutzke. Wir freuen uns schon auf Ihr Benefiz-Konzert am 24. März in Kiel.

Mutzke: Ich freue mich auch. Ich freue mich immer ganz besonders auf Kiel.

Diakonie: Wieso denn das?

Mutzke: Ich habe in Kiel einen guten Freund, der ist Fotograf. Der hat damals auch ein Video zu einer Single von mir gedreht, ganz aufwendig mit Cheerleadern und einer Blaskapelle aus Kiel. Wir haben mehrfach auf der Kieler Woche gespielt, auch schon mit den Kieler Philharmonikern. Mit Kiel verbinde ich viel Positives.

Diakonie: Veranstaltet wird Ihr Konzert von der Kieler Stadtmission zugunsten der Wohnungslosenhilfe. Wie kam das zustande?

Mutzke: Die Stadtmission kam mit der Idee des Konzerts gegen die Kälte auf uns zu und da haben wir gerne zugesagt. Denn es macht umso mehr Spaß, ein Konzert zu spielen und gleichzeitig eine gute Sache zu unterstützen. Wir kriegen fast jeden Tag Anfragen für Benefiz-Geschichten, so viele kann man gar nicht zusagen. Deswegen suchen wir uns ganz gezielt Dinge raus, die uns emotional berühren.

Diakonie: Was berührt Sie an der Idee des „Konzert gegen die Kälte“?

Mutzke: Gerade jetzt im Winter. Wenn ich mir überlege, man hat keine Wohnung, man ist mittellos. Unvorstellbar eigentlich. Da bin froh, wenn ich mit dem Konzert die Wohnungslosenhilfe unterstützen kann. Es macht mich stolz, mit so einer Sache auf dieses Thema aufmerksam zu machen.

Diakonie: Was löst das in Ihnen aus, wenn Sie in der Fußgängerzone Menschen sehen, die Pfand sammeln?

Mutzke: Wenn ich mit meinen Jungs unterwegs bin, werden wir meist toll empfangen. Da fragt man uns: „Braucht ihr irgendwas? Dann meldet euch!“. Das ist natürlich ein totales Paradies in dem wir leben. Wir machen uns daher immer wieder aktiv bewusst, dass dieses Glück nur einem ganz kleinen Teil der Menschheit überhaupt zu Teil wird. Wenn wir im Flughafen Menschen beobachten, nachdem wir uns gerade einen fünf Euro teuren Cappuccino gekauft haben, die in Papierkörben nach Bierflaschen schauen, kommen wir ins Nachdenken. Wie wäre es wohl, auf dieser Seite des Lebens zu stehen? Womit haben es manche Menschen verdient, so leben zu müssen? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie schrecklich das sein muss.

Diakonie: Wie reagieren Sie, wenn Sie jemand nach Kleingeld fragt?

Mutzke: In den allermeisten Fällen hole ich meinen Geldbeutel raus. Ich habe einmal eine gut situierte Frau vor einem Kaufhaus beobachtet, die war Lehrerin auf unserem Gymnasium. Die hat eine Frau aus Rumänien richtig zur Sau gemacht: „Was für eine Unverschämtheit, mich nach Geld zu fragen. Melde dich beim Amt, da wirst du schon Geld kriegen.“ Das hat mich unfassbar sauer gemacht. Ich habe sie im Anschluss dafür so fertiggemacht, dass mein Bruder richtig Schiss gekriegt hat, schlechte Noten zu kriegen. Denn er war zu dem Zeitpunkt ihr Schüler (lacht).

Diakonie: Wie erklären Sie sich, dass in einem reichen Land wie Deutschland Menschen auf der Straße leben?

Mutzke: Ich habe mal von einem Mann ein Straßenmagazin gekauft. Der hat mir seine Geschichte erzählt. Er war Landschaftsgärtner und hatte einen Betrieb mit 20 Angestellten. Er hatte eine Familie, eine Frau, ein eigenes Haus. Durch den Stress auf Arbeit, fing er an zu trinken. Erst Bier, dann Wein, dann Schnaps, dann während der Arbeit. Irgendwann war es ihm nicht mehr möglich, seinen Job zu machen. Dann hat er den ersten Kunden verloren, dann die Firma, dann die Frau. Keine Rücklagen, kein Geld. Dann hat er seine Wohnung verloren und war obdachlos. Er lebte mehrere Jahre auf der Straße. Mir wurde bewusst, dass man in so eine Situation nicht reingeboren wird. Das kann jeden treffen.

Diakonie: Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht die Hilfsangebote der Diakonie, wie die Wohnungslosenhilfe der Kieler Stadtmission?

Mutzke: Vorletztes Jahr in Köln habe ich einer obdachlosen Frau Geld gegeben und sie gefragt, warum sie sich keine Wohnung sucht. Sie sagte mir, sie gehe nachts in eine Auffangstation, wo sie Hilfe bekommt. Ihr Freund sei drei Tage zuvor erfroren. Der wollte nie mit in die Unterkunft. Und dann ist er erfroren. (Pause) Zwei Sachen sind mir durch den Kopf geschossen. Einmal: krass, hier erfrieren Menschen. Gleichzeitig habe ich gesehen: Es gibt Angebote für Menschen ohne Wohnung. Es gibt Hoffnung durch Angebote wie die der Diakonie.

Interview: Jonas Czok

Foto: Nils Müller