Bloggend die Welt erklären01.03.19

Reisefeuilletonist Björn Sass im Flugzeug unterwegs. (Foto: privat)

Studentin Lea betreibt einen Block zum Thema Diabetes. (Foto: privat)

Mitja Blümke, 24, studiert Germanistik und Politikwissenschaft. Möchte in Journalismus oder Pressearbeit. (Foto: Peter Werner)

Jana Kinast, 21, studiert Germanistik und Musikwissenschaften. Berufsziel: Verlagswesen. (Foto: Peter Werner)

Herkömmliche Medien sehen sich zunehmend der Konkurrenz von Blogs gegenüber. Vor allem für junge Menschen sind die zu wichtigen Informationskanälen geworden

TEXTE: MITJA BLÜMKE, JANA KINAST

Früher wurden Nachrichten ausschließlich über damals existierende Medien verbreitet – in Zeitungen, durch Radio oder Fernsehen. Mittlerweile hat sich die Informationsverbreitung zusätzlich auch neue Wege gesucht, die eine Bedrohung für die althergebrachten klassischen Medien darstellen: Sogenannte Blogs sind weltweit rasant auf dem Vormarsch. Blogs als im Internet einsehbare öffentliche Tagebücher werden von Unternehmen geschäftlich genutzt. In ihnen schreiben vor allem aber auch Privatleute zu diesem oder jenem Thema. Häufig werden dabei auch Nachrichten verbreitet, die einem Faktencheck nicht standhalten.

Die ersten Blogs kamen vereinzelt bereits in den 1990er Jahren auf. Wikipedia schätzt, dass es mittlerweile in Deutschland 300.000 aktive Blogger gibt. Weltweit sollen es 2011 mehr als 170 Millionen gewesen sein, verlässliche Schätzungen über die inzwischen tatsächliche Zahl sind kaum möglich.

Vor allem für junge Menschen nimmt die Bedeutung von Blogs immer mehr zu. Wir haben das zum Anlass genommen, mit einem Vertreter klassischer Printmedien sowie einer Bloggerin zu sprechen. Wie sehen sie die Bedeutung ihrer jeweiligen Arbeit?


JOURNALIST MIT KLASSISCHEM BERUFSVERSTÄNDNIS

Björn Sass ist Reisefeuilletonist. Blogs sieht er nicht als Bedrohung, weil viele nicht professionell geschrieben sind

Björn Sass ist freier Reisefeuilletonist bei der Wochenzeitung DIE ZEIT. Der im Norden Schleswig-Holsteins lebendende 51-Jährige versteht sich als klassischer Autor und schreibt seit vielen Jahren Reiseberichte. Vor seiner Arbeit für DIE ZEIT hat er bereits für verschiedene andere Zeitschriften gearbeitet. Wichtig ist ihm dabei, Emotionen zu vermitteln. Sass versteht sich nicht als Reiseführer, er schreibt aus der Ich-Perspektive. Er möchte zeigen, welche Bedeutung Reisen für ihn haben und was er daraus für sich und andere mitgenommen hat. Werbung für Hotels, beliebte Ausflugsziele oder das beste lokale Restaurant kommen für ihn nicht infrage.

Zu seiner Arbeit erhält er viel Feedback von den Leserinnen und Lesern. Etliche fühlen sich mit seinen Texten verbunden, sagt er, und schildern eigene Erfahrungen zu einem Thema in Leserbriefen, auch im Online-Bereich finden sich diskutierfreudige Leser. Und das, obwohl immer weniger Reiseberichte veröffentlicht werden, wie er sagt. In der ZEIT seien solche Texte mittlerweile in der Rubrik "Lifestyle" untergebracht.

Es falle auf, dass Reiseberichte inzwischen immer häufiger in privat betriebenen Blogs erscheinen. Björn Sass betrachtet die Blogger jedoch nicht als Konkurrenz, auch wenn sie auf Pressereisen verstärkt Plätze einnehmen, die früher erfahrenen Journalisten vorbehalten waren. Blogger seien vielmehr eine Ergänzung zu dem, was Journalisten wie er schreiben. Zu beobachten sei jedoch, dass Blogger anders an Texte herangehen, weil sie auf möglichst viele "Likes" angewiesen sind. Deshalb stünden in Blogs vor allem Fotos im Vordergrund und weniger das geschriebene Wort.

Bekanntlich sinken die Auflagen vieler Printmedien seit ein paar Jahren und nach Aufkommen des Internets. Ob er diesen Rückgang in einem direkten Zusammenhang mit der wachsenden Zahl von Blogs sieht, wollten wir wissen. Björn Sass hält diese These für nicht haltbar. Dass besonders die Auflagen der Tageszeitungen sinken, sieht er in keiner Verbindung zum erhöhten Aufkommen von Blogs und somit seine Arbeit auch nicht durch Blogs bedroht. Denn Reiseblogs würden meist nur bestimmte Infos verbreiten. Veranstalter beschreiben und präsentieren darin ihre Reisen, indem sie beispielsweise auf empfehlenswerte Lokalitäten hinweisen. Diese seien jedoch nach einiger Zeit bereits wieder überholt.

Seine Artikel hingegen sieht Sass als zeitlos und journalistisch geprägt. Fazit: Blogs können durchaus auch in Koexistenz zu großen Medien existieren. Denn weil sie meist anders sind als journalistische Texte, stehen sie nicht in direkter Konkurrenz zu diesen.


BLOGGERIN AUS EIGENER BETROFFENHEIT

Lea ist diabeteskrank. Weil sie in anderen Medien Infos vermisst, bloggt sie zum Thema

Sie ist Studentin in Kiel, wohnt wie viele Studierende in einer WG und reist gerne. Auf dem ersten Blick alles ziemlich normal also bei der 24-jährigen Lea. Wenn es da nicht ein "aber" geben würde: Lea ist diabeteskrank, Typ 1. Das vorwegzuschicken ist wichtig, denn für die junge Frau war das Anlass, im Internet einen eigenen Blog zu betreiben.

2011 war bei ihr nach einer langen Phase der Ungewissheit die Krankheit diagnostiziert worden. Für sie bedeutete das damals eine nahezu komplette Umstellung des Alltags. Alles was sie seither tut – vom Sport über Freizeitgestaltung bis hin jetzt zum Studium –, geschieht stets mit den Gedanken an die Überprüfung der Blutzuckerwerte. Für Betroffene wie sie ist das immer wieder auch eine psychische Belastung, insbesondere "wenn es mal schlechte Tage gibt, an denen die Werte ohne erkennbaren Grund spinnen", wie Lea sagt.

Lea R. - ihren vollen Nachnamen möchte sie nicht in der Zeitung lesen – hat sich in den vergangenen Jahren so intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, dass daraus schließlich 2014 ihr Blog "Insulea" entstanden ist. Bis heute schreibt sie darin mit bemerkenswerter Offenheit über den Umgang mit der Erkrankung, über medizinische Versorgung, das Besuchen von Tagungen sowie eine Vielzahl an begleitenden Thematiken.

Blogs wie der von Lea unterscheiden sich von vielen anderen, die sich häufig bloß dem Lifestyle widmen oder Beautyprodukte promoten. Deren Betreiber und Betreiberinnen präsentieren Produkte und versuchen Geld zu verdienen. Immer spielen die persönliche Beziehung von Lesern und Blogbetreibern eine große Rolle; die persönlichen und häufig aus der Ich-Perspektive geschriebene Artikel und Beiträge können so hautnah nachempfunden werden.

Auch Lea, deren Blog jeden Monat etwa 8500 mal gelesen wird und der zu den bekannteren im "Diabetesbereich" gehört, kann von persönlichen Nachrichten und Danksagungen anderer Betroffener berichten. Wichtig ist der Studentin vor allem dies: "Ich möchte aufklären und mir und anderen helfen, mit der Krankheit umzugehen. Damit wir Betroffenen auch in schwierigen Tagen wissen, dass es weitergeht. Ich will unserer Community eine Stimme geben.“

Information, Hilfe, Unterstützung – das sind die zentralen Motive, mit der die junge Studentin ihren Blog betreibt. Das bedeutet auch: Blogs kommen dort besonders zur Geltung, wo herkömmliche Medien aus Sicht der Nutzer Themen nicht ausreichend darstellen. Auf Bloggerinnen wie Lea bezogen hieße das dann auch, dass Blogs und herkömmliche Medien eine fruchtbare Symbiose darstellen können. Allerdings: Inwiefern dies auch weiterhin gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Leas Blog unter: http://www.insulea.de/

Diese Texte entstanden im Rahmen des von HEMPELS und dem „Zentrum für Schlüsselqualifikationen“ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gemeinsam durchgeführten Projekts „Journalismus in der Praxis“. Weitere dort entstandene Texte sind in der März-Ausgabe zu lesen.