Wie entstehen eigentlich Stereotype?15.06.17

Foto: Georg Meggers

Menschen denken in Stereotypen – sie schreiben Personen bestimmte Eigenschaften zu, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Wie Stereotype entstehen – und was man gegen sie tun kann, darüber sprach der Kölner Sozialwissenschaftler Bernd Hammann im Audimax der CAU.

Im Rahmen der 4. Queeren Themenwochen ging es am 8. Juni um die "Psychologie der Stereotype". Etwa 45 Gäste fanden sich im Audimax der Kieler Uni ein. Zunächst definierte Hammann den Begriff: Stereotype seien Erwartungen oder Überzeugungen zu einer bestimmten Gruppe von Menschen. Sie müssen nicht negativ sein und können auch zutreffen. Ein Besucher nannte ein Beispiel für einen positiven Stereotyp: Die Annahme einiger Menschen, Asiaten seien mathematisch besonders begabt.

Der Grundprozess für die Entstehung von Stereotypen sei die Kategorisierung, erklärte Hammann. Objekte werden Kategorien zugeordnet – wenn man etwa ein Auto sieht, weiß man, dass es ein Lenkrad und einen Motor hat. Dies sei ein durchaus nützlicher Mechanismus des Gehirns: Dank ihm müssen wir uns nicht jedes Mal das ganze Auto anschauen, um zu wissen, dass bestimmte Objekte zu ihm gehören. Die Übertragung der Kategorisierung auf Menschen bezeichnete Hammann als "Wurzel des Übels".

Menschen würden aktiv nach einer Bestätigung für ihre Erwartungen suchen – und hinterfragen im Falle einer Bestätigung nicht weiter. Ein Wissenschaftler würde genau das Gegenteil machen: Er hinterfragt seine Hypothesen und sucht nach Gegenbeispielen.

Einige Menschen würden bestimmte Erwartungen bestätigen. Hammann nannte als Beispiel eines Stereotyps, dass Schwule besonders kreativ seien. Einige bekannte Personen würden diese Erwartung bestätigen, der Musiker Elton John etwa. Schwule, die nicht in den Medien sind und vielleicht unkreativ seien, würden hingegen nicht bemerkt. Doch nach Widersprüchen in Bezug auf die eigenen Erwartungen zu suchen sei auf Dauer anstrengend, sagte Hammann. Daher suchen Menschen "im Autopilot" nur nach Bestätigungen für sie. Ein kreativer Schwuler bestätige eine Erwartung und sei eine gute Erinnerung. Ereignisse, die den eigenen Stereotypen widersprechen, würden uns dagegen irritieren, sie seien komplex und unspektakulär – und somit schwer zu erinnern.

Unsere Erwartungen werden also eher bestätigt, als infrage gestellt. Wie aber entstehen diese Erwartungen? Minderheiten seien besonders interessant für viele Menschen, weil sie wenig Kontakt mit ihnen haben. Sie richten daher eine besondere Aufmerksamkeit auf sie. Beispiele für Stereotype seien neben den "kreativen Schwulen" auch "kriminelle Migranten" oder "laute Studierende". Diese Gruppen seien groß genug, um wahrgenommen zu werden – aber auch klein genug, um interessant zu sein. Die Mehrheit sei nicht interessant, weil sie der Normalfall ist. Hammann verwies auf ein Experiment, demzufolge Stereotype "aus dem Nichts" entstehen können, weil das positive Verhalten einer kleineren Gruppe unterschätzt und das negative Verhalten einer kleineren Gruppe überschätzt wird.

Hammann erklärte den sogenannten Attributionsfehler. Dieser liegt vor, wenn wir das Verhalten von Menschen als Folge ihrer Persönlichkeit, ihrer Meinungen und Werte interpretieren und den Einfluss der Umstände auf ihr Verhalten unterschätzen. Der Attributionsfehler habe etwa zu der Annahme einiger Menschen geführt, dass Migranten besonders faul und kriminell seien. Dabei werde nicht berücksichtigt, ob Migranten arbeiten können oder dürfen und wie verzweifelt sie Geld benötigen.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Stereotypen spiele die Erziehung. Kinder würden sie aus dem Fernsehen, von ihren Eltern oder Lehrern übernehmen, erklärte Hammann. Wenn etwa ein Vater mit seiner Tochter einem Bettler begegnet, würde die Tochter das Verhalten ihres Vaters in dieser Situation mit Bettlern verknüpfen. Die Folge sei, dass sie Bettler fortan als schmutzig und mitleiderregend ansehen könnte.

Am Ende des Vortrags fragte Hammann das Plenum, wie sich Stereotype bekämpfen lassen – bei sich und bei anderen. Wichtig sei, stets nach Gegenbeispielen für die eigenen Erwartungen zu suchen. Der Attributionsfehler könne vermieden werden, indem die Umstände beachtet werden, die zum Verhalten einer Person führten. Empathie sei wichtig: Man sollte sich in die anderen Menschen hineinversetzen.

Den Stereotypen von anderen Menschen können wir mit "kindlichen Fragen" begegnen. Wir sollten sie erklären lassen, warum sie ein bestimmtes Vorurteil haben. Dabei sollten wir auf die sogenannte Reaktanz des Gegenübers achten, da angegriffene Menschen ihre Meinung vehement verteidigen würden – und niemand von sich glaube, ein schlechter Mensch zu sein. Wir sollten daher Angriffe vermeiden, unsere moralische Empörung herunterschlucken und auch auf eigene Fehler hinweisen, riet Hammann. Es sei okay, falsch zu liegen – unser Verhalten in der Zukunft definiere uns.

Hammann beendet die Veranstaltung mit der Feststellung: "Kontakt hilft immer." Wir sollten den Kontakt zu Menschen suchen, um unsere Vorurteile ihnen gegenüber abzubauen. Diesem Rat möchte sich HEMPELS anschließen: Stereotype können sich auf viele Menschen beziehen, auf Schwule, auf Migranten, auf Obdachlose, auf Rentner, auf Jugendliche – fordern Sie Ihre Stereotype doch heraus und gehen Sie offen auf die Menschen zu!

GM