HEMPELS Verkäufer im Café

Von der Nullnummer bis heute

Seit Gründung des Straßenmagazins HEMPELS 1996 konnten bereits vier Millionen Hefte verkauft werden

TEXT: MARIE MAUSOLF

Im Februar 2021 feierte HEMPELS 25-jähriges Bestehen, im darauf folgenden Mai wurde bereits die 300. Ausgabe des Magazins veröffentlicht: 25 Jahre mit steigenden Zahlen. Nach dem erfolgreichen Projektstart 1996 sanken die Verkaufszahlen Ende der 1990er Jahre zwar zunächst. Doch mit der 2003 eingeleiteten Professionalisierung der Redaktionsarbeit und dem damit verbundenen "neuen Wind" gingen sie wieder nach oben.

Nach wenigen Jahren des Bestehens, Anfang der Nullerjahre, gab es bereits 100 Verkäufer*innen in Schleswig-Holstein. Wer aber sind die Verkaufenden des HEMPELS-Magazins? "Wer verkaufen will, muss materiell arm sein, darf nicht mehr eigenes Einkommen haben als der gültige Hartz-IV-Satz“, sagt Redaktionsleiter Peter Brandhorst. Bis 2021 haben insgesamt bereits über 1500 Frauen und Männer die Chance genutzt, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern und wurden Verkäufer*innen des Magazins. Jo Tein, Mitgründer von HEMPELS und heute Vorsitzender des Vorstands beim Trägervereins HEMPELS e. V., beschreibt es so: "HEMPELS ist eine Art Auffangbecken für Wohnungslose, für Menschen in Notsituationen – das ist heute so und das war es von Beginn an." Die steigende Nachfrage nach einer Anstellung als Verkäufer*in sei Resultat einer immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich und einer zunehmenden Wohnungslosigkeit.

Auch für Thomas Repp, Verkäufer seit dem ersten Tag, war und ist es eine Chance. Er berichtet von seinen 25-jährigen Erfahrungen. In der Anfangszeit war er nicht nur Verkäufer, sondern auch Mitglied der Redaktion, ein Mann für alle Fälle. Er fand seine Aufgabe innerhalb des Magazins und kann sich dort bis heute mit seiner Verkaufsarbeit selbst verwirklichen. Schon in einem im Februar 1998 veröffentlichten Interview beschrieb er seine Arbeit als interessant, kreativ und chaotisch.

Auch heute antwortet er lachend auf die Frage, wie die erste Redaktionssitzung ablief und erinnert sich gerne zurück. Das anfänglich freie Schreiben von Artikeln habe ihn sehr stolz gemacht und zu einem stärkeren Selbstbewusstsein geführt. Somit bedauere er, dass durch die 2003 vollzogene Professionalisierung der Redaktion das freie Schreiben vorbei gewesen sei. Den damals neu zum Magazin gekommenen Journalisten Peter Brandhorst bezeichnet er jedoch als "Glücksgriff", ohne den das Magazin heute nicht dort stehen würde, wo es steht: Bei rund vier Millionen verkauften Heften in 25 Jahren.

Thomas Repp ist trotz starker gesundheitlicher Einschränkungen auch im Jahr 2021 noch aktiver Verkäufer des HEMPELS-Magazins. Er lebt und verkauft in Husum. Die Husumer kennen ihn und kümmern sich um ihn. Mit dem Zubrot durch den Verkauf kann er sich Extraausgaben leisten oder auch mal ein schönes Geschenk kaufen. Rückblickend gab HEMPELS ihm den entscheidenden Impuls, das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Die Lebenssituation vieler aktuell Verkaufenden beschreibt Vorstand Jo Tein als einen "Kampf ums nackte Überleben". Manche kommen aus dem südosteuropäischen Raum und haben in Deutschland keinen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen oder Sozialhilfe. Wenn sie Straßenverkäufer*in werden möchten, gilt als Voraussetzung die Grundkenntnis der deutschen Sprache. Hierzu bietet der Verein Sprachkurse an, um den Menschen eine Chance zu geben.

Diplom-Sozialpädagogin Michaela Ketelsen leitet in Flensburg den Tagestreff für wohnungslose Männer, der auch die örtlichen HEMPELS-Verkaufenden betreut. Sie nimmt immer wieder wahr, wie wichtig es für die Verkaufenden ist, Kontakte zu knüpfen und miteinander zu kommunizieren. Freudig erinnert sich Ketelsen an Verkäuferin Inken aus Flensburg, die durch einen Kontakt im Verkauf eine Wohnung gefunden hat und inzwischen ohne die Arbeit als HEMPELS-Verkäuferin ein geregeltes Leben führt. Ketelsen sieht in HEMPELS viel mehr als das zu verkaufende Magazin: Eine Unterstützungsmöglichkeit und Kontaktbrücke sei es, ein "Eisbrecher" zwischen Wohnungslosen und unterschiedlichsten anderen Menschen der Gesellschaft. So trage das Magazin zur sozialen Integration der Wohnungslosen bei und Verkäufer*innen können sich wieder als akzeptierter Teil der Gesellschaft fühlen. Außerdem berichtet die Sozialpädagogin davon, wie wichtig die Alltagsroutine sei: der Kaffee im Tagestreff, das Gespräch vor Ort, der Weg zum Verkaufsplatz.

Im Jubiläumsjahr 2021 sind es landesweit 220 Frauen und Männer, die das Straßenmagazin meist vor Supermärkten für kleines Geld anbieten. 1996 kostete das Magazin zwei D-Mark, heute sind es 2,20 Euro. Die Hälfte davon, plus Trinkgeld, ist der Verdienst der Verkäufer*innen. "Es freut mich, wenn Menschen über HEMPELS wieder auf die Füße kommen. Dafür machen wir den Job“, so Peter Brandhorst in einem Interview im Januar 2021 mit dem Evangelischen Pressedienst EPD.

Für Käufer*innen sind 2,20 Euro keine große Ausgabe. Kaum ein Kaffee zum Beispiel in einem Restaurant oder Café ist unter 2,50 Euro zu bekommen. Doch wer kauft eigentlich HEMPELS? Vor knapp zehn Jahren legte der Kieler Wissenschaftler Klaus-Henning Hansen mit einer landesweiten Leserumfrage ein Käufer*innenprofil an. Typische Leserin ist demnach die um die 50 Jahre alte mittelständische Frau. Wie für alle Zeitungen heißt auch für HEMPELS die Aufgabe, mit der heranwachsenden "Generation Z" eine junge Generation vermehrt für das Straßenmagazin zu interessieren.

"Anfangs hatte ich gehofft, dass wir mit dem Magazin HEMPELS nach einigen Jahren überflüssig sind", so Peter Brandhorst. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt, denn immer mehr Menschen leben auf der Straße, allein 10.000 Wohnungslose in Schleswig-Holstein. In vielen Städten fehlt bezahlbarer Wohnraum. Mit geschätzt 3,5 Millionen Euro Einnahmen über die letzten 25 Jahre ist aus dem anfänglich kleinen Projekt längst ein "Riesending" geworden, das einigen Menschen eine neue Chance bietet.

Studierende der Kieler Christian-Albrechts-Universität haben im Sommersemester 2021 die bis dahin 25-jährige Geschichte von HEMPELS untersucht. Das Projektseminar am Historischen Institut leitete Professor Dr. Oliver Auge. Die Studierenden haben Unterlagen in HEMPELS-Archiven gesichtet, Interviews geführt – und ihre Ergebnisse in Artikeln wie diesem zusammengefasst.